Xylit

Drei Tage war er nicht im Büro gewesen. Kriminaloberkommissar Marco Görlitzer öffnete die Tür, heute jedoch wehte ihm kein Kaffeeduft entgegen. Es fiel ihm wieder ein: Udo wird nicht mehr kommen. Sein Partner hatte es geschafft und widmete sich im Ruhestand jetzt ganz der Rosenzucht. Görlitzer legte die Unterlagen von der Weiterbildung auf den Schreibtisch. In diesem Moment klingelte das Telefon.
»Noch nicht mal 8 Uhr«, murmelte Görlitzer und sah auf das Display. »Ah, der Chef.«
Er nahm den Hörer ab: »Guten Morgen, Uwe. Bin wieder im Dienst.«
»Morgen, Marco. Komm doch bitte gleich mal in mein Büro.«
Görlitzer nahm den Weg ins zweite Obergeschoss. Im Büro von Kriminalhauptkommissar Uwe Stein saßen mehrere Personen. Görlitzer wunderte sich: Jens von der Unfallermittlung war auch anwesend, er kannte ihn vom Sehen. Und ein Neuer. Uwe stellte ihn vor: »Marco, das ist Kriminalkommissar Björn Uhlig, er hat sich schon mal in den Fall eingearbeitet!«
Görlitzer reichte Uhlig die Hand: »Auf gute Zusammenarbeit!«
»Freue mich auch! Wir haben hier einen Verkehrsunfall.«
»Fahrerflucht?« fragte Görlitzer.
»Nein.« Uhlig reichte ein paar Fotos herum. »Es war kein weiteres Fahrzeug beteiligt.«
»Worum geht es dann?« Görlitzer wurde ungeduldig.
»Vor drei Tagen ereignete sich auf der Burgstraße stadtauswärts ein schwerer Unfall. Ein Mercedes kam von der Fahrbahn ab, überschlug sich und prallte gegen einen Baum. Der Fahrer Dr. Erwin Grau, ein Chemiker im Ruhestand, wurde schwer verletzt und verstarb noch an der Unfallstelle. Auf dem Beifahrersitz saß seine Lebensgefährtin«, Uhlig blickte auf seine Notizen, »sie heißt Anne-Marie Jahnke, wurde nur leicht verletzt und konnte bereits aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen werden.«
»Und warum soll die Kripo ermitteln?« Görlitzer schaute fragend in die Runde. »Wurde an dem Fahrzeug manipuliert?«
Polizeiobermeister Jens Köhler ergriff das Wort: »Wir haben den Unfallhergang rekonstruiert. Nach Aussage des Rechtsmediziners fiel Herr Grau …«, er nahm die Akte zur Hand, »in ein hyperosmolares Koma. Durch die Bewusstlosigkeit verlor er die Kontrolle über das Fahrzeug. Der Mercedes wurde von der KTU gründlich untersucht. Er war technisch völlig in Ordnung, Manipulationen konnten nicht festgestellt werden.«
»Ein bedauerlicher Unfall? Oder gibt es noch etwas?«
»Anne-Marie Jahnke erschien am nächsten Tag bei mir und erstattete Anzeige.« Uwe Stein griff nach der bordeauxroten Dose, die auf dem Tisch stand und fuhr fort: »Frau Jahnke stellte dieses Gefäß auf meinen Schreibtisch und behauptete, jemand hätte ihren Lebensgefährten ermordet. Von ihr wissen wir, dass Grau ein Typ-2-Diabetiker war. Er musste aber weder Tabletten noch Insulin nehmen. Zucker gab es nicht in seinem Haus. Es wurde nur Xylit aus solchen Dosen verwendet. Frau Jahnke ist sich sicher, dass jemand das Xylit gegen normalen Zucker ausgetauscht hat. Nur so konnte Grau überzuckern und den Unfall verursachen.«
»Und was war jetzt wirklich in der Dose?« erkundigte sich Görlitzer.
»Tatsächlich Haushaltszucker. Die Spurensicherung konnte jedoch nur Fingerabdrücke von Jahnke und Grau auf der Dose feststellen.«
»Okay. Gibt es noch weitere Ermittlungsansätze?«
»Ja, Kollege Uhlig wird dich in Kenntnis setzen. Ich denke, wir können diese Runde jetzt auflösen. Na dann, ran an die Arbeit!«
Im Büro holte Uhlig ein Päckchen Kaffee und eine Blechschachtel aus seinem Rucksack und fragte: »Trinken Sie eigentlich Kaffee?«
Görlitzer nickte: »Gern sogar.«
»Super, ich habe auch Kekse dazu.« Uhlig bestückte die Maschine. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee beflügelte Görlitzer. Er reichte Uhlig die Hand: »Ich heiße Marco. Wird schon werden mit uns. Na, dann schieß mal los!«
»Gern. Ich bin übrigens der Björn. In dem Fall Grau habe ich mich umgehört. Grau wohnte in einer Villa am Stadtrand gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Anne-Marie Jahnke. In der Villa gibt es noch eine zweite Wohnung. Der erwachsene Sohn der beiden – Mike Grau – lebt dort allein. Seine Freundin Swantje Köhler ist jedoch häufig zu Besuch. Grau senior war tatsächlich Diabetiker vom Typ zwei, sein Hausarzt Dr. Wolter hat das bestätigt. Grau tat alles, um ohne Insulin auszukommen, hatte seine Ernährung umgestellt und trieb regelmäßig Sport. Frau Jahnke erzählte mir, dass Grau ein leidenschaftlicher Bäcker war, er hat die ganze Familie versorgt. Auch sonst liebte er Süßspeisen. Im Hause Grau wurde zum Backen und Kochen jedoch ausschließlich Xylit verwendet, das wird insulinunabhängig verstoffwechselt. Eine ideale Zucker-Alternative.«
»Wie sieht denn die Motivlage aus? Hatte Frau Jahnke einen Grund, ihn loswerden zu wollen?«
»Glaube ich nicht. In zwei Monaten wollten die beiden heiraten. Das Standesamt bestätigte das Aufgebot. Da sehe ich kein Motiv. Auch der Sohn ist gut versorgt. Laut Mutter bestand ein sehr inniges Verhältnis zwischen Vater und Sohn, beide frönten dem gleichen Hobby. Sie gingen gemeinsam angeln.«
»Hast du sonst noch was in Erfahrung bringen können?«
»Ein Nachbar, Karl Kanitz, hat mir etwas Interessantes erzählt. Grau spielte Skat. Neben diesem Nachbarn gehörten noch Hannes Sturm und Ullrich Jaspers zur Runde. Grau hat wohl Fotos gezeigt und dabei erzählt, dass sein Sohn die Swantje bald heiraten will. Kanitz kam die junge Frau bekannt vor. Er hat daraufhin seine Pornosammlung durchgesehen und tatsächlich ein Video gefunden, in dem diese Swantje vor einigen Jahren mitgespielt hatte.«
»Du hast selbst mit dem Kanitz gesprochen?«
»Ja. Und er hat seine Beobachtung Grau-Senior brühwarm erzählt, etwa eine Woche vor dem Unfall. Was, wenn Grau seine angehende Schwiegertochter zur Rede gestellt hat oder seinem Sohn davon erzählen wollte?«
»Hm, das wäre natürlich ein Motiv.«
»Diese Swantje studiert noch und wohnt im Haus ihrer Mutter im Uferweg.«
»Warst Du schon bei ihr?«
»Nein, ich wollte das nicht ohne dich tun. Wenn sie den Zucker in die Xylit-Dose gefüllt hat, dann trug sie wahrscheinlich Handschuhe. Wir haben leider nichts in der Hand. Vielleicht ergeben sich bei einer Befragung neue Anhaltspunkte.«
»Na dann, mal los!« Görlitzer erhob sich vom Stuhl.
»Und der Kaffee?«
»Der schmeckt uns nachher auch noch!«
Swantje Köhler öffnete die Haustür und bot den Kommissaren einen Platz im Wohnzimmer an. Görlitzer überließ Uhlig die Gesprächsführung. Die junge Frau wirkte sehr selbstsicher. Sie bestritt, jemals Xylit in der Hand gehabt zu haben.
Uhlig lenkte das Gespräch auf die Hochzeitspläne mit Grau junior und konfrontierte die junge Frau mit ihrer Vergangenheit. Swantje winkte ab: »Sie kennen das doch: Ich war jung und brauchte das Geld. Selbst wenn der Alte das dem Mike erzählen wollte, na und …!« Sie warf trotzig den Kopf nach hinten.
In diesem Moment betrat eine Frau mittleren Alters das Zimmer. Swantje stellte sie als ihre Mutter Maria vor.
Maria Köhler stand nur zwei Schritte von Görlitzer entfernt. Sie presste die linke Hand auf ihren Bauch. Görlitzer vernahm ein leises Grollen, fast so wie bei einem heranziehenden Gewitter. Das Geräusch kannte er doch!
»Björn, bleib du doch bitte hier. Ich glaube, ich unterhalte mich mal mit der Mutter in der Küche.« Er verließ mit Maria Köhler den Raum. In der Küche fragte er sie: »Frau Köhler, haben Sie gesundheitliche Probleme?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Was haben Sie denn in den letzten Stunden gegessen oder getrunken?«
»Wissen Sie, ich bin etwas erkältet, da habe ich mir eine große Kanne Hustentee gekocht.«
»Und gesüßt getrunken?«
Maria Köhler schaute den Kommissar mit großen Augen an, nickte und zeigte wortlos auf einen weißen Keramiktopf neben dem Herd. Das Gefäß war handgetöpfert und trug die Aufschrift »ZUCKER«. Görlitzer nahm den Deckel ab und blickte hinein.
»Frau Köhler, könnte ich bitte einen Löffel haben?«
Maria Köhler öffnete eine Schublade und reichte ihm das Gewünschte. Görlitzer nahm mit dem Löffel etwas von der weißen, kristallinen Substanz aus dem Keramiktopf und leckte die Masse vom Löffel. Seine Lippen bewegten sich kreisförmig, er schob die Masse im Mund hin und her, als würde er einen Wein verkosten. Maria sah ihm verwundert zu. Dann hüpfte sein Adamsapfel. Er hatte alles runter geschluckt und wandte sich wieder an die Frau: »Das ist kein Zucker!«
»Was?« Sie zitterte vor Angst. »Ist das …, Herr Kommissar, das ist doch nicht etwa Gift?«
Görlitzer beruhigte sie: »Keine Angst, das ist kein Gift, sondern Xylit, auch Birkenzucker genannt. Ein Zuckerersatzstoff.«
»Aber mein Bauch?«
»Viele Menschen bekommen Blähungen, wenn sie das erste Mal Xylit zu sich nehmen. Keine Angst, das geht vorbei.«
Erleichtert atmete Maria aus. »Aber woher wissen Sie das?«
»Meine Frau verwendet Xylit auch – zur Zahnpflege. Ich hab’s mal probiert, daher weiß ich, wie das Zeug aussieht und schmeckt.«
Maria drückte seine Hände: »Danke. Jetzt geht es mir gleich besser!«
Görlitzer kehrte in den Raum zurück und zwinkerte Uhlig zu. Der wiederum nickte, klappte seinen Notizblock zu und resümierte: »Ja, das war’s dann erst mal von uns.«
Swantje Köhler, die bisher ziemlich steif auf ihrem Stuhl gesessen hatte, lächelte ihn an und lehnte sich entspannt zurück.
Görlitzer trat von hinten an den Stuhl heran: »Verraten Sie mir, warum sie das Xylit nicht einfach weggeworfen, sondern statt dessen in eine Zuckerdose gefüllt haben?«
Er hörte, wie sie geräuschvoll einatmete. Dann richtete sie sich auf, rutschte nach vorn und saß nun auf der Stuhlkante. Ihr Körper wehrte sich nach Kräften, doch dann platzte es förmlich aus ihr heraus: »Na, Sie sind gut. Können Sie sich vorstellen, was ein Kilo von diesem Zeug kostet?«
Kaum hatte sie es ausgesprochen, schien sie sich auf die Zunge zu beißen. Sie presste die Lippen aufeinander und fiel in sich zusammen.
»Ich kann, Frau Köhler, ich kann! Und ich kann Sie jetzt verhaften!«
Görlitzer gab Uhlig ein Zeichen. Widerstandslos ließ sich Swantje Köhler die Handschellen anlegen und abführen. Kurz vor der Tür drehte sie sich noch mal um: »Was genau hat mich denn nun verraten?«
»Die Blähungen Ihrer Mutter«, antwortete Görlitzer.
Die Verhaftete schloss die Augen und schüttelte stumm den Kopf.
»Ja«, ergänzte Görlitzer, »Geiz ist nicht strafbar, Mord schon.«
Sabine Hennig-Vogel

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