Wenn die Eieruhr dreimal klingelt

Es ist früh am Morgen. Sie steht auf, öffnet das Schlafzimmerfenster, schaut hinaus und während sie sich streckt und räkelt sagt sie: „Der Morgen graut.“

„Dem“, murmelt ihr Mann im Halbschlaf und dreht sich auf die andere Seite.

Na, das kann ja noch ein heiterer Tag werden.

Wenig später sitzen Kiwi Almosn und seine Frau am Frühstückstisch. Sie im Morgenrock. Dazu trägt sie farblich abgestimmte Lockenwickler. Sieht richtig süß aus. Von ihm sieht man nur die Zeitung.

„Die Russen stehen vor Moskau“, bringt er sie auf den neuesten Stand.

Jedes Mal, wenn er morgens die Zeitung aufschlägt, sind die Russen schon da. Die bösen, versteht sich. Dabei können die Russen so herrliche Pirogen machen.

„Das ist ja unfassbar“, tut sie entsetzt. „Die schrecken aber auch vor nichts zurück.“

Ihr politischer Kosmos befindet sich noch in den Wehen des Urknalls. Politik ist für sie ein rotes Tuch mit sieben Siegeln. Dafür ist ihr Mann zuständig. Er klärt sie auf, denkt für sie mit und fühlt sich großartig dabei. Sie ist brav und hört ihm zu.

Seine Lieblingsthese lautete: Den Wohlhabenden ist ein stetiger Mangel an Bedürftigkeit, auf Dauer nicht nachzuweisen. Das klang gut. Sie schaute zu ihm auf.

Nur, sie hat halt ihre eigenen Probleme. Gerade hat sie ihr Frühstücksei geköpft und sucht den Salzstreuer. Gestern stand er noch in der Menage. Aber das war gestern.

„Hallo“, ruft sie und klopft an seine Zeitung, „hast du das Salz gesehen?“

Der Salzstreuer steht im Einzugsbereich seiner Zeitung, verdeckt. Sie kann ihn nicht sehen. Er schon. Aber er muckst sich nicht. Wenn er morgens seine Zeitung liest, lässt er sich nur ungerne auf längere Diskussionen ein. Es sei denn…

„Der Salzstreuer ist weg, hast du ihn etwa ausgeliehen?“

Sie klingt gereizt. Ihr Ärger ist verständlich, denn das Eidotter fängt an sich von seinem appetitlichen Aussehen zu verabschieden. Die Temperatur im Inneren nimmt ab und lässt das Dotter zu einer schmutzig-gelben Masse erstarren. Für sie gehört zu einer harmonischen Ehe ein Ei zum Frühstück. Aber kein hartes.

Er hebt die Zeitung an, schiebt ihr den Salzstreuer zu und liest weiter.

„Heute ist wieder großer Russen Auftrieb, die schlagen jetzt zurück. Diesmal ist die Merkel dran“, freut er sich.

„Was hat sie denn schon wieder angestellt?“

„Sie soll dem Kreml ein „e“ geklaut haben.“

„Was will die denn mit einem „e“? Sie hat doch schon die schwarze Null.“

„Die wird ihr aber auch nichts bringen. Physiker des Max-Planck-Instituts haben bei Experimenten im Teilchenbeschleuniger herausgefunden, dass man mit schwarzen Nullen, keine schwarzen Löcher stopfen kann.“

„Ja, und jetzt?“

„Also, hier steht, zwei russische Forscher haben bei einer, wie heiß das hier, Wortfeldanalyse, übereinstimmende Merkmale zwischen Merkel und dem Kreml festgestellt.

„Und was, bitteschön, soll das heißen?“

„Tja, Merkel und der Kreml sind austauschbar.“

„Kannst du mir das bitte etwas genauer erklären?“

Er steht auf, legt die Zeitung aus der Hand, sieht ihr Frühstücksei in einem erbarmungswürdigem Zustand, nimmt es vorsichtig mit zwei Fingern aus dem Eierbecher, schüttelt den Kopf und lässt es in den Abfalleimer fallen. Ein unschönes Geräusch. Er hasst harte Eier. Er setzt frisches Wasser auf, nimmt ein braun-gesprenkeltes Ei aus dem Kühlschrank, setzt es vorsichtig in den Eierkocher und findet noch die Zeit, im Vorübergehen, seiner Frau, flüchtig nur, aber immerhin, einen Kuss auf die Stirn zu hauchen. Er macht das alles mit einer gewissen Nonchalance. Sie ist hin-und hergerissen. Wenn er in seinem Element war, konnten ihm Flügel wachsen.

„Im Prinzip ist das ganz einfach. Die geben hier ein Beispiel.“

Er geht ins Wohnzimmer, kommt mit einem Scrabble Spiel zurück und schüttelt die Buchstaben auf den Tisch.

„So, und jetzt lege doch bitte mal das Wort KREML aus und MERKEL da drunter.“ Er half ihr dabei.

„Siehst du, MERKEL hat ein E mehr. Wenn man jetzt ein E nach oben verschiebt, kann man ganz einfach aus KREML MERKEL machen und unten wird aus MERKEL KREML.“

„Aber, das kann ja auch Zufall sein?“

„In der Politik gibt es den Terminus Zufall nicht, da gilt nur das Kalkül.“

In diesem Augenblick klingelte die Eieruhr, und die beiden hatten andere Sorgen.

Friedrich Malinowski

Foto: Uwe Steinbrich/pixelio.de

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