Weihnachtlicher Sinneswandel

Sti-hil-le Nacht, Hei-li-ge Nacht“ klang es aus den Lautsprechern. Kerzen flackerten auf dem Tisch und dem mit Engelshaar, Lametta und roten Kugeln geschmückten Tannenbaum.

Die Frau mit den grauen Löckchen hatte gerade ihr Abendessen beendet und war im Begriff, sich einen Sherry einzuschenken (sie nahm ihren Sherry immer nach und nicht vor dem Essen), als es an der Tür klingelte. Überrascht schaute sie auf die Uhr. Halb acht, wer konnte das sein? Sie erwartete keinen Besuch. Seit ihr Mann nicht mehr lebte, war es einsam geworden um sie.
Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür und linste durch den Spion. Dahinter stand Herr Moser, der Gemeindepfarrer. Vermutlich wollte er den obligatorischen Christstollen überreichen. Normalerweise machte er das am ersten Weihnachtsfeiertag. Heute aber war Heiliger Abend.

Sie öffnete.

„Hallo Frau Schupfner … entschuldigen Sie bitte die Störung.“

„Kein Problem, kommen Sie rein.“

Sie winkte ihn nach drinnen. Er trat über die Schwelle, einen Weidenkorb in der Hand. Sollte da etwa der Stollen drin sein? Na ja, dieses Jahr vielleicht mal was anderes. Wäre auch nicht schlecht. Sie mochte Stollen nicht besonders, hatte sich aber nie getraut, etwas zu sagen.

„Wie wär‘s mit einem Glas Sherry?“

„Nein danke, ich muss gleich wieder weg.“

„Was kann ich denn für Sie tun?“

„Für mich nichts … aber für die Kleine da.“

Herr Moser hob den Korb hoch, und Frau Schupfner warf einen Blick durch das Gitter. Dahinter befand sich kein Stollen, sondern ein junges Kätzchen, das mit großen Augen um sich schaute.

„Das ist ja eine Katze …“, sagte Frau Schupfner.

„Gut beobachtet“, grinste Herr Moser.

„Und was soll ich damit?“

„Na, was wohl … sich um sie kümmern natürlich.“

„Ich brauch keine Katze.“

„Gut möglich, aber die Katze braucht Sie.“

Frau Schupfner runzelte die Stirn.

„Die Mutter der Kleinen ist heute gestorben“, sagte Herr Moser mit getragener Stimme.

„Oh!“

„Überfahren worden, genauer gesagt, von einem dieser Moped-Rowdys.“

„Oh!“ Mitleidig schaute Frau Schupfner auf das Tier und steckte ihren Finger durch das Gitter. „Du arme kleine Waise …“ Sie stupste mit dem Finger an das Näschen der kleinen Katze, die neugierig nach vorn gerückt war.

„Die Katze gehört ins Tierheim“, meinte Frau Schupfner.

„Das Tierheim ist voll von Katzen“, sagte der Pfarrer.

„Na, dann kommt’s auf eine mehr oder weniger auch nicht an.“

„Hmmmh“, sagte der Pfarrer, der sich das Ganze vermutlich anders vorgestellt hatte, und kratzte sich am Kopf.

„Liebe Frau Schupfner“, sagte er dann, legte entschlossen seinen Arm um die Schulter der alten Dame und schob walzerähnlich ein paar Schritte mit ihr durchs Wohnzimmer. „Ich mach Ihnen einen Vorschlag: Das Kätzchen bleibt über Weihnachten bei Ihnen, und dann reden wir weiter. In Ordnung?“

Unschlüssig schaute Frau Schupfner ihren Seelsorger an. „Ehm … das geht nicht, ich hab kein Katzenfutter und auch kein Katzenklo“, sagte sie, sichtlich erleichtert über diese Tatsache.

Herr Moser strahlte.

„Daran hab ich natürlich gedacht … hab alles Notwendige im Auto.“

Ehe Frau Schupfner antworten konnte, drehte er sich auf dem Absatz um und eilte wohlgemut nach unten.

Zwei Stunden später lag Frau Schupfner auf dem Sofa und schaute fern. Das Kätzchen, das mittlerweile die ganze Wohnung inspiziert und beschnuppert hatte, lag auf Frau Schupfners Schoß und spielte vergnügt mit den Troddeln eines Brokatkissens. Weitere drei Stunden später lag Frau Schupfner im Bett und las ein Buch. Nicht weit entfernt, auf dem Kopfkissen ihres verstorbenen Mannes, lag eingeringelt das Kätzchen. „Rosi“, so war es von Frau Schupfner mittlerweile getauft worden, hatte die Augen geschlossen und schnurrte zufrieden.

Am nächsten Morgen wachte Frau Schupfner auf, weil Rosi mit einem ihrer Lockenwickler spielte. Gegen Mittag robbte Frau Schupfner bäuchlings auf dem Fußboden herum und kullerte eine selbst gebastelte Maus aus Resten von Socken-Strickwolle über den Teppich. Rosi jagte ausgelassen hinterher, und Frau Schupfner lachte herzhaft – wie schon seit Jahren nicht mehr.

In der darauf folgenden Nacht lag Rosi wieder auf Herrn Schupfners Kissen. Aber nur bis kurz nach zwei. Dann wachte es auf, tippelte ein bisschen auf dem Bett herum, machte es sich an der Zudecke von Frau Schupfner zu schaffen, steckte erst sein Köpfchen darunter, schob dann den kleinen Körper nach und kuschelte sich schließlich an die Hüfte der alten Dame. Als die das bemerkte, lächelte sie glücklich ins Dunkel.

Nach den Weihnachtsfeiertagen bekam Frau Schupfner Besuch von Herrn Moser. Auf seine Frage, ob Frau Schupfner das Kätzchen denn nun ins Tierheim geben wolle, meinte diese, dass Herr Moser wohl nicht ganz bei Trost sei, bot ihm aber trotzdem einen Sherry an …

P. S.: Den Stollen hatte Herr Moser in jenem Jahr vergessen – was Frau Schupfner ihm aber nicht übel nahm.

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