Tabuthemen

Will man genau wissen, was denn eigentlich ein Tabu ist, befragt man in Zeiten des Internets “wikipedia”, und dort steht sinngemäß, dass man unter einem Tabu etwas versteht, das sich nicht gehört. Also etwas, das entweder durch Gesetz verboten oder die Allgemeinheit zu der Übereinkunft gekommen ist, dass man etwas Bestimmtes “nicht tut”, weil es verpönt ist.

Über Gesetze braucht man nicht zu diskutieren, denn die stehen ja alle im Gesetzbuch. Mit 150 Kilometer Stundengeschwindigkeit über die Autobahn brausen beispielsweise, wenn nur 80 erlaubt sind. Anderen Zeitgenossen körperlichen Schaden zufügen, ihr Leben bedrohen oder gar nehmen. In einen Laden gehen und dort was einpacken, ohne an der Kasse stehen zu bleiben und dafür zu bezahlen. Solche Verhaltensweisen sind verboten und werden geahndet, also bestraft. Wobei dann wieder fein unterschieden wird, wie “schwer” das Delikt ist, und da gibt es dann erstmal die Ordnungswidrigkeit, bei der es sich um ein leichteres Vergehen handelt, das nur ein Bußgeld vorsieht, bei Rot über die Ampel gehen beispielsweise. Haut man jemanden übers Ohr, indem man ihn um sein Vermögen prellt, dann sieht die Sache schon wieder anders aus, und der Sachverhalt einer Straftat ist gegeben, und die wird – wie man den Wort als solchen schon entnehmen kann – bestraft. Der Übeltäter muss entweder viel Geld bezahlen oder ins Gefängnis.

Ich persönlich bin bisher mit Bußgeldern davon gekommen. Das Schlimmste dabei war “Fahrerflucht”. Wie das klingt! Als hätte ich einen Totalschaden hinterlassen und mich dann aus dem Staub gemacht. Die Sache war aber die: Ich parkte mein Auto – ordnungsgemäß, so, wie es sich gehört. Mit genügendem Abstand zum Vorder- und Hintermann. Als ich nach Stunden wieder kam, hatte der Vordermann gewechselt und der aktuelle die Stoßstange seines fahrbaren Untersatzes direkt an meine gefahren. Man hätte gerade mal ein Blatt Papier dazwischen schieben können. Ich rangierte also vor und zurück, und der Kontakt mit den beiden anderen Stoßstangen war (eigentlich) nicht zu vermeiden. Ganz vorsichtig natürlich nur. Es dauerte eine Weile, bis ich mich endlich aus der Situation heraus manövriert hatte und wollte erleichtert gerade Gas geben, als ein sehr ungehaltener Mann meine Fahrertür aufriss und meinte, ich habe eine Delle in seine Stoßstange gedrückt. Ich stieg aus und begutachtete den Schaden. Ein Blick genügte. Da war zwar tatsächlich eine Delle, die konnte aber nie im Leben von mir sein. Das sagte ich dem Mann und fuhr davon.

Drei Wochen später bekam ich einen Brief von der Polizei. Es lag eine Anzeige vor – wegen Fahrerflucht. Das mir vorgeworfene Corpus delicti war die Delle. Nach langen Auseinandersetzungen vor Gericht, mit Gutachtern, Zeugenaussagen (ein Freund war bei dem Vorfall anwesend gewesen) und diversen Anwaltsbriefen stand fest, dass ich die Delle tatsächlich nicht verursacht haben konnte – aber das zu entscheiden, war nicht meine Sache, sondern die der Ordnungshüter. Ich hatte mich zwar im Recht gefühlt, war es aber nicht. Ich hätte die Polizei rufen sollen. Man kann also auch Tabus brechen, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Außer Straftaten und Ordnungswidrigkeiten gibt es auch noch Kavaliersdelikte. Ihren Ursprung hat diese Bezeichnung in einer Art Ungleichbehandlung. Denn früher durften Adelige manche Dinge tun, die Normalsterblichen nicht erlaubt waren. Welche das waren, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Aber überhaupt, was heißt denn früher? Der Zeitung kann man auch heute noch alle naselang entnehmen, dass ein “hohes Tier” (straflos) irgend etwas tut, für das Otto Normalverbraucher belangt wird. Steuern hinterziehen, beispielsweise. Wie es auch sei, auch ein Kavaliersdelikt ist ein Tabu.

Aber es gibt ja nicht nur Tabus, sondern auch Tabuthemen. Ein Tabuthema ist zwar ein Thema, aber eines, über das man nicht spricht. Und wenn, dann nur unter vorgehaltener Hand. Früher war Sex beispielsweise ein Tabuthema. Das hat sich mittlerweile geändert. Am Zeitungskiosk lachen nackte Damen von den Titelblättern einschlägiger Magazine, und nachts, nach Mitternacht, wird man von ihnen (den Damen) auch noch “besprochen”. Sie strecken ihre entblößten Brüste der Kamera entgegen und fordern Männer mit lasziver Stimme und lustvollem Gesichtsausdruck auf, eine bestimmte Nummer anzurufen und dann eine virtuelle Nummer zu schieben. Obwohl diese Nummern-Geschichte ja wohl gut zu laufen scheint, kenne ich merkwürdigerweise keinen einzigen Mann, der jemals eine dieser Nummern gewählt hätte. Zumindest hat es keiner zugegeben. So ein Nümmerchen scheint also doch ein Tabuthema zu sein.

Ein weiteres Tabuthema ist Geld beziehungsweise das Einkommen. Gibt in den USA jedermann freizügig die Zahl auf seinem Kontoauszug bekannt, so hält man hierzulande lieber den Mund. Scheint peinlich zu sein, das Einkommen. Vermutlich liegt das daran, dass der eine denkt, es sei zu niedrig und der andere, es sei zu hoch. Beides ist – aus unterschiedlichen Gründen – peinlich. Über Peinlichkeiten spricht man nicht. Also bleibt es bei Mutmaßungen. Man betrachtet das Auto, das Haus, (das Schiff) und zieht dann seine Schlüsse daraus. Über Geld spricht man nicht, in Deutschland auf alle Fälle nicht. Tabuthema!

Man sieht, Tabus und Tabuthemen gibt es mannigfaltig. Ich persönlich halte es damit so wie mit den zehn Geboten. Ich mache das, was mir Verstand und Gefühl gebieten – entsprechend dem Kant’schen Imperativ (sinngemäß: handle so, wie du behandelt werden möchtest). Damit fahre ich relativ gut. Und wenn ich hin und wieder doch mal wieder ein Tabu breche und daneben lange (bin leider nicht perfekt), dann entschuldige ich mich. Und da meine “Vergehen” relativ harmlos sind, bekomme ich auch meistens die Absolution. Manchmal auch von mir selbst…
Sonja Sommer

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