Schmetterlinge im Bauch

Mein Freund Adrian ist Single. Diesen Zustand hat nicht er herbeigeführt, sondern seine ehemalige Freundin, die ihm vor zwei Jahren wegen nicht zu überwindender Probleme den Laufpass gegeben hat. Und da Männer aus verschiedenen Gründen äußerst ungern allein leben, hat Adrian – nach einigen erfolglosen Versuchen, sie umzustimmen – sich auf die gezielte Suche nach der ultimativen Traumfrau gemacht.

Eine Traumfrau heißt wohl deshalb so, weil sie nur in Träumen existiert, im richtigen Leben also kaum zu finden ist. Vor allem dann nicht, wenn das Fabelwesen, nach dem Adrian fahndet, vielfältige Attribute unter einen Hut zu bringen hat.

Als erstes sollte sie (selbstverständlich) rank, schlank, bestens proportioniert und ausgesprochen attraktiv sein. (Das Aussehen ihrer Partnerin ist Männern weitaus wichtiger als umgekehrt. Wir Frauen schauen mehr auf die inneren Werte – zumindest versichern wir das immer wieder gern und nachhaltig).

Dann sollte Adrians Herzdame über einen überdurchschnittlich hohen Intelligenzquotienten verfügen und umfassend gebildet sein. Akademikerin wäre also nicht schlecht. Weiterhin sollte sie klassische Musik mögen, und etwas von moderner Kunst (was immer das auch sein mag) verstehen. Sportlich sollte sie natürlich auch sein und mindestens Tennis (besser: Golf) spielen und Ski fahren. Aufgrund von Adrians beruflicher Position sollte sie natürlich auch repräsentieren können. Also mit dem Oberbürgermeister (oder anderen öffentlichen Persönlichkeiten) jederzeit einen gekonnten Smalltalk hinlegen und sich überhaupt auf jedem nur erdenklichen Parkett elegant bewegen können. In diesem Zusammenhang sollte sie auch fließend englisch und französisch sprechen.

Sie sollte sich im kleinen Schwarzen wohl fühlen, aber auch in Jeans eine gute Figur machen. Sie sollte aus ehrenwerter Familie kommen, vor allem aber sollte sie gebärfähig sein, weil Adrian trotz seines fortgeschrittenen Alters noch sein Scherflein zum deutschen Bevölkerungszuwachs beitragen möchte. Aus diesem Grund sollte die Dame vorzugsweise so um die dreißig sein, also schlappe 24 Jahre (!) jünger als Adrian.

Woher ich das alles weiß? Ganz einfach. Auf der Suche nach seiner Traumfrau hat Adrian in irgendeiner Partnerschaftsbörse im Internet eine Bekanntschaftsanzeige veröffentlicht und mich gebeten, ihm bei der Durchsicht der Antworten behilflich zu sein – als weiblich-intuitive Ratgeberin sozusagen. Mit meiner ausgeprägten voyeuristischen Neugierde habe ich das natürlich nur allzu gern gemacht.

Akribisch gingen wir Zuschrift für Zuschrift durch, und es waren einige sehr sympathisch wirkende Frauen dabei, die meiner Meinung nach prima zu Adrian passten. Adrian allerdings war da anderer Auffassung. So waren ihm die meisten zu alt (nur fünf Jahre jünger als er!), andere zu groß oder zu klein, hatten den falschen Beruf, die falschen Freizeitbeschäftigungen oder den falschen Musikgeschmack. Die einen hatten zu lange Haare, die anderen zu kurze. Die einen waren zu forsch in der Ausdrucksweise, die anderen zu banal. Es war zum Mäuse melken, aber Adrian ließ sich nicht beirren, die Zuschriften höflich aber negativ beantwortet.

Zu guter Letzt blieben zwei übrig, und Adrian telefonierte mit den Damen. Eine davon fiel sofort aus dem Raster, weil ihm die Stimme nicht gefiel. Mit der anderen hat er sich verabredet und Hals über Kopf verliebt. Sie sehe wirklich klasse aus, schwärmte er, sei unglaublich intelligent und charmant, spreche drei Fremdsprachen, habe in USA studiert, wolle unbedingt eine Familie gründen, böte also in vollem Umfang die von ihm geforderten Eigenschaften. Das sei seine ultimative Traumfrau, da sei er sich sicher.

Was denn mit dem Altersunterschied sei, fragte ich vorsichtig. Ach, meinte er nonchalant, der spiele keine Rolle. Und außerdem habe er Schmetterlinge im Bauch wie schon lange nicht mehr.
Mensch, du könntest ihr Vater sein … wollte ich schon herausplatzen, sagte aber: „Na ja, wenn du meinst.“ Im Laufe der Jahre habe ich nämlich begriffen, dass viele Menschen einen zwar nach der Meinung fragen, aber wehe du sagst sie. Also hielt ich den Mund.

Aber wie das mit Schmetterlingen nun mal so ist – sie verweilen nie lange bei einer Blüte. Mit den Insekten in Adrians Bauch verhielt es sich ähnlich. Nach ein paar Wochen aufregender Nächte und immer langweiliger werdender Tage flatterten die fragilen Tierchen wieder davon. Die anfänglich so wunderbare Übereinstimmung zwischen Adrian und seiner Traumfrau löste sich in Luft auf, denn es stellte sich sehr schnell heraus, dass die Dame weniger an Adrian als an seiner Kreditkarte interessiert war. Sie liebte Dinners in teuren Restaurants, Wochenendausflüge in europäische Metropolen und goldene, mit Edelsteinen besetzte Pretiosen. Dass Adrian für das alles aufkam, versteht sich von selbst. – Kurz gesagt, nach nicht mal drei Monaten war Adrian wieder Single.

Gemeinsam mit ein paar Freunden haben wir dann während einer langen Nacht dieses Thema in aller Offenheit durchgekaut. Denn auf gewisse Art und Weise hatten wir alle ähnliche Erlebnisse und kamen einstimmig zu folgendem Ergebnis: Schmetterlinge im Bauch kribbeln zwar schön, haben aber ein kurzes Leben und das auch nur bei Sonnenschein. Ein molliges Gefühl im Herzen dagegen ist beständig, hält bei regnerisch-kühlen Temperaturen gut warm und übersteht vor allem auch frostige Zeiten ohne nachhaltige Folgen.

Tina Solter

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