Ringelingeling

Ja ja, das Handy. Technische Errungenschaft der neunziger Jahre. Telefonhäuschen ade. Wer auf sich hält, führt so ein Ding Tag und Nacht mit sich. Ich habe – natürlich auch eins. Doch ein wesentlicher Umstand unterscheidet mich von den meisten Handybesitzern: mein Mobiltelefon ist fast immer ausgeschaltet.

Ich gebe zu, es ist praktisch, so ein kleines Telefon bei sich zu haben. Wenn ich im Stau stehe beispielsweise. Tipp, tipp, tipp und schon weiß mein Geschäfts- oder Datingpartner, dass er sich nun einer anderen Aufgabe widmen kann als damit zu rechen, dass ich jede Sekunde durch die Tür komme.

Oder wenn ich einen dringenden Anruf erwarte, dies aber lieber im Biergarten mache – als in meinem Büro.

Tja, damit bin ich – für mich ganz persönlich – aber auch schon am Ende der Fahnenstange. Denn für andere Situationen brauche ich mein winziges und bereits veraltetes mobiles Telefonchen nicht. Im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen.

Es ist wirklich der galoppierende Wahnsinn: ich bin umzingelt von Menschen, die sich eigentlich schon einen Chip ins Ohr und einen Lautsprecher im Mund implantieren könnten … denn sie machen den ganzen Tag nichts anders als telefonieren. Egal wann und wo ich mich befinde – im Supermarkt, auf der Straße, bei einem Geschäftstermin, im Restaurant, im Zug …. überall wird telefoniert. Ringelingeling … ringelingeling“. Ständig bimmelts irgendwo.

Mal abgesehen davon, dass es mich außer im Restaurant kaum stört, frage ich mich, wie die Menschen früher überlebt haben – ohne diese Kommunikationsplage. Wollte man vor gar nicht allzu langer Zeit außer Haus telefonieren, musste man sich erstmal eine sogenannte Telefonzelle suchen. Hatte man dann eine gefunden, war man sehr froh, wenn sie frei war. Was meistens nicht der Fall war – zumindest nicht in innerstädtischen Regionen. Da man das aber nicht ändern konnte, reihte man sich zähneknirschend ein, in die Schlange wartender Mitmenschen und hoffte, dass das Gespräch dann kurz war. War dies nicht der Fall, trommelte man erbost mit den Fäusten an die Scheibe und machte unmissverständlich klar, dass sich der Geduldsfaden kurz vor der ultimativen Zerreißprobe befand und der telefon-innerhäusige Delinquent tat sein Bestes, zum Ende zu kommen. Manchmal tat er das allerdings nicht, sondern machte sich einen Spaß daraus, den von einem zum anderen Fuß tretenden Menschen vor dem gelben (später dann grau-lila) Häuschen durch entspannten Gesichtsausdruck zu verstehen zu geben, dass das Telefonat mit Tante Rita (beispielsweise)noch ein Weilchen dauernd würde …

Nun gut, diese Zeiten sind ja Gott sei Dank vorbei. Denn nun führt jeder sein Telefonhäuschen in Miniaturausgabe in Hosen- oder Handtasche bei sich.

Ist ja – wie schon gesagt – in manchen Situationen wirklich praktisch. Aber ich frage mich, warum so viele Menschen teures Geld dafür bezahlen, um in epischer Breite Belanglosigkeiten auszutauschen. „Hier scheint die Sonne“ … beispielsweise. Oder „ich sitze gerade in der U-Bahn“. Oder „Uwe hat mich verlassen.“ Wobei Letzteres ja eine gewisse Brisanz der Neuigkeit hat und da kann ich das ja noch verstehen. Ich persönlich – wäre ich denn betroffen – läge in so einer Situation lieber bequem auf dem Sofa, wo ich – ausgestattet mit einem Päckchen Papiertücher und einem Glas Wein, genüsslich-leidend und ohne Zuhörer über Uwe herziehen würde.

Ich ziehe es auch vor, im Restaurant zu sitzen, den Apéritiv zu schlürfen, das Menue zu genießen und mich meinem Gegenüber zu widmen – unbehelligt von irgendwelchen Telefonaten, die ich genauso gut am nächsten Tag führen kann. Genauso geht es mir an anderen Orten. Ich will einfach nicht gestört werden.

Nun denn, jeder so, wie er’s mag.

Ich auf alle Fälle kann es mir leisten, nicht permanent erreichbar zu sein. Und wenn ich nicht daheim bin, kann man mir auf den guten alten Anrufbeantworter quatschen. Meistens rufe ich auch zurück…
Helene Hanisch

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  1. Danke! – Recht, recht herzlichen Dank für diese amüsante Geschichte, die mir noch dazu die Gewissheit gab, dass ein kleiner, verschwindender Teil ähnlich denkt wie ich. “Normal” darf ich dadurch zwar noch immer nicht fühlen, aber die Zahl der GesinnungsgenossInnen nimmt vielleicht doch noch zu!
    Danke und Gruß,
    Hubert Haidler

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