René wohnt hier nicht mehr

Als bei Kaiser´s die Lichter ausgingen, setzte man die Leute auf die Straße. Doch auch dort war die Zukunft ungewiss. Die einen beantragten Hartz IV, die anderen versuchten sich in Mini-Jobs zu Hungerlöhnen. Unsere Tochter musste sogar ihr Kind in Pflege geben. Der Kleine hieß René und war sechzehn Monate alt. Er sollte es gut bei uns haben.

Zuerst zeigten wir ihm die Bibliothek, aber er hielt sich bedeckt. Wir müssen ihm Zeit lassen, meinte meine Frau. Dann begannen wir mit den Märchen. Märchen sind in diesem Alter unverzichtbar und nachher auch. Sie schärfen die Sinne für die Realität, stärken das Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit und man braucht sie, wenn man später Onkel ist.

Wir lasen ihm wechselseitig vor. Erst das klassische Repertoire mit Andersen, Bechstein und den Grimms, später die Märchen aus Tausendundeine Nacht, wobei wir die Übersetzung von Enno Littmann allen anderen vorzogen und schließlich noch die Märchen aus dem malaiischen Archipel und aus dem „Hakawati“, aus dem sich Karl May, als er noch ein Kind war, von seiner Großmutter regelmäßig vorlesen ließ.

Geduldig ließ unser Enkel die abendlichen Vorleseprozeduren über sich ergehen, aber tagsüber kokettierte er heimlich mit Opas altem Kofferradio. Es war die Auseinandersetzung mit der Technik von gestern, die ihn so reizte, die vielen Schalter und Hebel, die glitzernden Knöpfe und magischen Tasten, die ihm immer wieder zuriefen: „Dreh mich! Drück mich! Mach mich an!“

René, gut erzogen, spielte weiter mit Holztraktor und Ladekran, aber zwischendurch schielte er verstohlen zu dem schwarzen Zauberkasten hinüber, der so viele komische Töne in seinem Bauch hatte. Und eines Tages, da half alle gute Erziehung nichts, machte er sich, mit allem Respekt, über den geheimnisvollen Kasten her.

Er verfolgte keinen genauen Plan. Er ließ sich inspirieren. Seine kleinen Finger fetzten über die Tastatur, hantierten und hebelten, schalteten ein und aus, drückten und drehten was das Zeug hielt…und das alte Kofferradio quietschte vor Vergnügen. Wann hatte es so etwas schon mal erlebt. Renés Wangen röteten sich vor Eifer, seine Augen hatten den feuchten Glanz früher Entdecker und just in dem Augenblick, da er WDR 3 glasklar herein bekam, verlor er das Gleichgewicht. Schon im Fallen begriffen, hielt er sich mit der rechten Hand verzweifelt am Sendereinstellknopf fest und bei den Klängen einer der legendären Walzer von Schostakowitsch, gingen beide zu Boden.

Passiert ist weiter nichts, da es sich in beiden Fällen um deutsche Wertarbeit handelte. Nur mit klassischer Musik hatte er es nicht mehr so.

Mit den Jahren erstreckten sich seine Aktivitäten auch auf andere Bereiche des täglichen Lebens und auch darüber hinaus. Trotzdem glaubten wir uns auf gutem Wege, zumal er in der Schule ordentliche Fortschritte machte. Er war ein aufgeweckter Junge, der uns viel Freude bereitete und immer für eine Überraschung gut war.

Zu seinem 14. Geburtstag wünschte sich unser Enkel eine Smith & Wesson. Meine Frau schüttelte den Kopf. Ich wollte mich da raushalten.

Nicht das wir grundsätzlich etwas gegen Handfeuerwaffen gehabt hätten, die kleine Mauser zum Beispiel, die wegen ihrer glatten Form so angenehm in der Hand lag, oder den Browning P15 mit der verstärkten Zubringerfeder und dem Rückschlagverhinderer, geradezu ideal für Einsteiger, aber eine Smith & Wesson, womöglich noch das New Yorker Model, das mit einer dritten Verriegelungsnase ausgestattet war und dadurch den Druckpunktabzug so weit nach hinten verschob, dass eine schnelle Schussfolge unmöglich gelingen konnte, darüber waren wir uns einig, hatte in unserem Haus nichts verloren.

Wir machten ihm Alternativangebote, die er jedoch ablehnte. Wir ahnten Schlimmes.

Vor zwei Jahren hatten wir nämlich nach langen Diskussionen, unserem Enkel, damals gerade zwölf Jahre alt geworden, ein sechsteiliges Wurfmesser-Set aus feinstem, doppeltgewalzten Carina Stahl geschenkt. Auf dem Boden, der noch nicht ausgebaut war und auf dem noch vor Jahren die Kisten mit den Büchern standen, lagen die Giebelbohlen zum Teil noch frei. Dort konnte er nach Lust und Laune üben. Aber nein, er wollte eine richtige Wurfwand aus Holz mit eingeritzten Zielringen, wie er sie bei Sarrasani gesehen hatte. So etwas gab es natürlich nirgendwo zu kaufen; überall wurden wir dumm angeschaut. Ob wir keine anderen Sorgen hätten, fragte man uns. Es war eine höchst unangenehme Lage, in der wir uns befanden. Hinzu kam noch der Druck, den der Kleine auf uns ausübte.

Wir entschlossen uns daher, um uns keine Blöße zu geben, diese Wurfwand anfertigen zu lassen. René machte einen Entwurf nach seinen Vorstellungen, ein Grafiker die Reinzeichnung und ein Schreiner aus der Nachbarschaft versprach die prompte Lieferung. Bis hierher verlief alles noch einigermaßen zufriedenstellend. Aber die Wand passte nicht durchs Treppenhaus. Der Schreiner präsentierte die Rechnung, wir verweigerten aus verständlichen Gründen die Zahlung, der Schreiner klagte und gewann. Es war ein Reinfall auf der ganzen Linie. Ein zweites Desaster konnten wir uns nicht leisten. Wir beschlossen daher, generalstabsmäßig vorzugehen. Wenn wir Einfluss auf seine Entscheidung nehmen wollten, mussten wir ihm die alternativen Möglichkeiten schmackhaft machen. Zunächst inserierten wir im „Waffenschmied“, einem überregionalen Sammler-Journal für Waffenliebhaber aus aller Welt, mit dem wir schon gute Erfahrungen gemacht hatten.

Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir uns dort von Renés Harpune trennen müssen. René hatte in ganz lauterer Absicht auf Frau Wondrascheks Vogel geschossen, der sich in einem Käfig langweilte, den Frau Wondraschek bei gutem Wetter, auf ihrem Balkon zu stellen pflegte. Zwei der nach innen gebogenen Widerhaken verfingen sich in den Gitterstäben und als René an der Fangleine zog, fielen sowohl der Käfig als auch der Vogel ziemlich spektakulär auf das Kopfsteinpflaster. Für den Vogel, dem weiter nichts passiert war, schien es eine aparte Abwechslung gewesen zu sein, was Frau Wondraschek natürlich anders sah und ein Schmerzensgeld verlangte. Unser Anwalt – wir haben einen Anwalt seit René bei einer Schulaufführung des „Wilhelm Tell“ mit einer echten Armbrust auf der Bühne erschienen war – bügelte jedoch das Begehren der Frau Wondraschek mit dem Hinweis ab, dass es unstatthaft sei, eine Blaustirnamazone, so hieß vermutlich der Vogel, in einem so kleinen Käfig einzusperren.

Nun, man arrangierte sich.

In der Zwischenzeit häuften sich die Zuschriften, die wir auf unsere Anzeige erhielten. Sie kamen aus dem In – und Ausland. Darunter auch ein Angebot aus Frankreich. Ein französischer Leutnant schrieb uns, sein Großvater habe 1915, noch unter Joffré kämpfend, bei Valmy, unweit der Katalaunischen Felder, eine deutsche Feldhaubitze erbeutet. Sie sei noch gut in Schuss und über den Preis könne man ja reden.

Meine Frau schüttelte den Kopf. „Kanonen“, sagte sie, “kommen mir nicht ins Haus.” Und dabei blieb es.
Friedrich Malinowski

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