Merkels Tochter
und die Zimtsterne

Alle Bücherklappen heißen Bücherklappe, unsere Bücherklappe heißt Klappentext.

Man muss mit der Zeit gehen. Klappentext, das hat was. Da denkt man gleich an was Klassisches, oder so. Hier wird kein Müll abgeladen. Hier treffen sich innere Werte und große Namen.

Nur die Leute übertreiben immer gleich.

Neulich stand im obersten Regal eine Goetheausgabe in sechs Bänden. Im Jugendstileinband! Also bitte, wer kann sich von so etwas trennen? Was sind das für Menschen? Sicher, Goethe war kein braver Mann, er soff wie ein Loch, naja und seine Weibergeschichten… Aber soll ich mir deshalb meinen Goethe vergällen lassen? Soll ich seine Iphigenie nicht mehr lieben dürfen? Mich seinem Diwan versagen? Nicht mehr mit Werther leiden? Soll ich seinen Faust verdammen?

Also, Schwups! Habe ich ihn mitgenommen. Jetzt steht er bei mir im Regal. Zwischen Hölderlin und Kleist.

Schon eine Woche später, entdeckte ich an gleicher Stelle Schlinks „Vorleser.“

Unglaublich! Ein verlagsfrisches Exemplar! Vor Jahren noch sorgte „Der Vorleser“ in der ganzen Welt für Aufsehen. Vier Jahre nach seinem Erscheinen, eroberte die Übersetzung als erstes deutsches Buch die amerikanischen Bestsellerlisten. Und jetzt? Klappe auf, Klappe zu. Das war´s!

Ich konnte nicht widerstehen. Ich schlug die erste Seite auf und las den Anfang:

Als ich fünfzehn war, hatte ich Gelbsucht. Die Krankheit begann im Herbst und endete im Frühjahr. Je kälter und dunkler das alte Jahr wurde, desto schwächer wurde ich. Erst mit dem neuen Jahr ging es aufwärts. Der Januar war warm, und meine Mutter richtete mir das Bett auf dem Balkon. Ich sah den Himmel, die Sonne, die Wolken und hörte die Kinder im Hof spielen. Eines frühen Abends im Februar hörte ich eine Amsel singen.

„Singdrossel“, sagte eine Stimme hinter mir. „Es war eine Singdrossel. Die Amsel kommt erst wenn der März sich neigt, die Drossel sich schon früher zeigt.“

Ich drehte mich um. Vor mir stand eine Dame mittleren Alters, überragte mich fast um Kopfeslänge und war auf dem besten Wege, mich in Verlegenheit zu bringen. Sie trug durchgehend Mango cool mit schwarzen Applikationen. Keineswegs elegant, aber höchst effektvoll. Ich schätze Frauen, die auf Prada pfeifen. Ihre Sonnenbrille hatte sie mit souveräner Lässigkeit ins Haar geschoben. Eine starke Vorstellung. Äh, warum ging es eigentlich noch? Ich stand ein wenig neben mir. Ach so, ja…

„Verzeihung, aber ich habe den Text mitgelesen“, half sie mir aus der Verlegenheit.

„Ich war jahrelang Schlinks Sekretärin“, fuhr sie fort. „Wenn Sie wollen setzen wir uns drüben auf die Bank. Das wird Sie interessieren.“ Na, und ob.

„ Er war Richter am Verfassungsgericht in Münster. Mit dem Schreiben hat erst später angefangen.“

Es sprudelte nur so aus ihr heraus. Sie wollte die Zeit mit ihm nicht missen, er war ihr Mentor und ihr Verhältnis war im höchsten Grade kameradschaftlich, über all die Jahre hinweg. Sie erzählte sich alles von der Seele. Auch von dem Tag, an dem sie die „Singdrossel“ ins Gespräch brachte.

Sie erinnerte sich.

Er hätte sie eine kleine Weile angeschaut, väterlich seinen Arm um sie gelegt und gesagt: „Käthchen, Sie sind als Stenotypistin eine Perle, als Sekretärin ein Schatz und ihre Zimtsterne zu Weihnachten, also wirklich. Aber leider geht das alles auf Kosten ihres Sprachgefühls.“

Heute konnte sie darüber lachen, aber damals, meinte sie, hätte er ihr ihre Grenzen aufgezeigt. Sehr charmant zwar, aber deutlich.

Eine schöne Geschichte.

Wir trennten uns, ohne weitere Angaben, hofften aber, uns gelegentlich an gleicher Stelle wieder zu treffen.

Auf dem Weihnachtsmarkt trafen wir uns zufällig. Mit strahlendem Gesicht kam sie auf mich zu.

„Hallo, Sie werden es nicht glauben, wem ich begegnet bin.“

„Nein, ich glaube es nicht.“

„Merkels Tochter!“

„Wie bitte, ich wusste gar nicht …“. Sie schnitt mir das Wort ab.

„Ich auch nicht. Bis vorhin am Klappentext.“

„Aber, das ist ja schon eine kleine Sensation, weiß man den, äh, von wem, oder so?“

Sie beugte sich zu mir herunter und flüsterte mir einen Namen ins Ohr.

„Sagt mir nichts“, sagte ich.

„Na, Sie sind mir vielleicht einer. So belesen wie Sie sind und dann kennen Sie Hammesfahr nicht?“

Sie kramte in ihrem Handtäschchen und zauberte einen Beutel mit Zimtsternen hervor.

„Frohe Weihnachten!“

Zu Hause wartete meine Frau schon mit dem Mittagessen. Ich blähte mich auf.

„Weißt Du eigentlich, von wem Merkels Tochter ist?“

Sie schob mir den Teller Grießbrei zu und stellte den Zimt auf den Tisch.

„Ach, Du meinst die Hammesfahr, die Petra aus Kerpen. Ja sicher. Die hat auch noch andere schöne Sachen geschrieben. Ihre erste Kurzgeschichte ist übrigens im „Playboy“ erschienen. Hast Du das gewusst?“

Ich konnte nicht antworten. Mit vollem Mund spricht man nicht.

Später habe ich ihr die Zimtsterne geschenkt.

Friedrich Malinowski

Foto: gänseblümchen/pixelio.de

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