Lieschen Müller

Ende 1994 zogen wir aus unserer Mietwohnung aus und bei meinem Elternhaus in den ersten Stock ein. Zu diesem Zeitpunkt lebte in der zweiten Hälfte des ersten Stocks noch meine Oma, damals fünfund­achtzig. Den Balkon hatten wir gemeinsam, allerdings war Oma der Meinung, er sei so etwas wie eine Freiluft-Rumpelkammer und lagerte dort Kartons, Töpfe und allerlei Gerümpel. Leider hatte Oma auch die Angewohnheit, Essensreste auf ihrer Balkonhälfte zu verteilen, „für die Vögel“, wie sie sagte. Vögel allerdings kamen keine, dafür die Katzen der gesamten Nachbarschaft, ganz offensichtlich eingeladen von Max, dem Kater meiner Eltern, der dort seine Versammlungen abhielt.

Anfangs hat uns das amüsiert, doch als wir feststellten, dass diverse Besucher auch „markierten“, war es mit dem Amüsement schnell vorbei, wir verscheuchten die Katzen und nahmen Oma wegen der Essensreste ins Gebet. Das gipfelte darin, dass ich irgendwann brüllte: „Ich schmeiß den ganzen Krempel in den Garten runter, wenn er nicht augenblicklich verschwindet!“ Die Drohung zeigte Wirkung und Oma zügelte fortan ihre soziale Ader, die uns neben der Katzenpopulation auch Mäuse und Ratten beschert hatte.

Max, der den Balkon jahrelang als sein Freiluft-Wohnzimmer betrachtet hatte, gab jedoch nicht so schnell auf und lag immer noch dort herum. Gesellschaft hatte er nur noch ab und zu – von einer kleinen, mageren, rot-weißen Katze. Meine Eltern und Großeltern, die auch im Haus auf verschiedene Stockwerke verteilt wohnen, sagten, dass diese Katze schon seit einigen Jahren immer mal wieder zu Besuch käme. Sie sei sehr scheu, streiche einem zwar um die Beine, ließe sich aber nicht anfassen. Sie gehöre zum Bauernhof gegenüber, und sie heiße Lieschen.

Die erste richtige Begegnung mit Lieschen fand dann im Frühjahr statt. Sie stemmte ihre Pfötchen von außen auf den Türrahmen der Balkontür und schaute neugierig nach drinnen. Ich öffnete die Tür und sprach sie an, aber wir konnten uns beide zu nichts durchringen. Lieschen fand die Wohnung unheimlich, und ich fand Lieschen wenig anziehend. Schmutzig, triefäugig, klebrig und gar nicht niedlich, sondern abwartend-aggressiv.

Nach einigen Wochen gegenseitiger Beobachtung und Annäherung durch Streicheln meinerseits – was immer den Abschluss in einer Fauch- und Kratzorgie durch Lieschen fand, mit anschließender Flucht beider Teilnehmer in verschiedene Richtungen – stellte ich fest: die Katze ist trächtig.

Im August war es dann so weit: Lieschen erschien auf dem Balkon, wieder dünn um die Mitte. Wir freuten uns und hofften, sie würde uns ihre Kleinen mal vorstellen. Leider kam es ganz anders. Ein paar Tage später stand meine Mutter weinend in unserer Wohnung. Sie berichtete, Lieschen hätte früh morgens drei tote kleine Kätzchen auf den Balkon gebracht und jämmerlich miauend dabei gesessen. Mein Vater hatte, um uns den Anblick zu ersparen, die Kleinen schon weggebracht. Kurzfristig löste sich die ganze Familie in einer Tränenflut auf, um dann zur Tat zu schreiten. Ich vereinbarte einen Termin mit der Tierklinik, denn dieses Katzenelend wollte ich nicht länger tolerieren. Wir fingen Lieschen ein, die immer noch trauernd auf dem Balkon saß, brachten sie in die Tierklinik und bestellten „einmal runderneuerte Katze, bitte“. Aufgrund ihres schlechten Zustands behielt man sie gleich dort.

Zu Hause wurden wir dann mit Bedenken konfrontiert: Mutter und Omi fürchteten um Mäxchen (ein Riesenviech übrigens), der bestimmt von der bösen (sehr kleinen) Katze aus dem Haus getrieben würde, wenn nicht sogar gemeuchelt. Meine Oma posaunte überall herum, die Katze habe ihre Jungen tot gebissen (was nicht bewiesen war). Mein Vater meinte ständig, wir sollten uns doch nicht eine solch aggressive Katze vom Bauernhof aufhalsen, die würde weder stubenrein noch zahm werden. Opa legte sorgenvoll die Stirn in Falten, sagte aber nichts. Doch mein Mann und ich wollten Lieschen.

Zwei Tage später durften wir unsere neue Errungenschaft aus der Tierklinik abholen. Entwurmt, entfloht, entmilbt, kastriert und mit Aufbauspritzen versorgt, nahmen wir die Kleine in Empfang und ließen dafür ein kleines Vermögen in der Klinik. Auch das war uns egal. Man ermahnte uns noch, Lieschen, die sich noch nicht von der Kastrationsnarkose erholt hatte, noch ein paar Stunden in ihrem Korb zu lassen. Wir stellten den Korb auf den Balkon, ihrer vertraute Umgebung. Lieschen randalierte. Meine Mutter und mein Mann, ein Spitzenteam, wenn es darum geht, meine Anweisungen zu missachten, öffneten, kaum dass ich ihnen den Rücken gekehrt hatte, den Korb, und Lieschen flüchtete mit frisch genähtem Bauch über das Rosenspalier. Ich belegte meine Mutter und meinen Mann mit allen mir bekannten Flüchen und brüllte eine Stunde herum. Ich war überzeugt, Lieschen nie wieder zu sehen. Bei Einbruch der Dunkelheit raschelte es an der Balkontür. Hereinspaziert kam Lieschen, sah sich kurz um, sprang aufs Sofa neben meinen Mann, legte sich auf den Rücken, streckte alle Viere von sich und schlief selig ein. Am nächsten Tag kauften wir die übliche Ausrüstung, Katzenklo, Streu und so weiter und waren ab sofort zu dritt.

Die Metamorphose von wilder Bauernhofkatze zum anschmiegsamen Stubentiger vollzog Lieschen in Rekordgeschwindigkeit. Beim nächsten Besuch in der Tierklinik staunte der Arzt und mochte es nicht glauben: das sollte die verängstigte, abgemagerte Katze von neulich sein? Wir waren stolz wie frischgebackene Eltern!

Nachdem Max und Lieschen sich zunächst wilde Kämpfe lieferten, bei denen Fellbüschel in grau, blond und weiß durch die Gegend flogen, ist er mittlerweile im Haus geduldet. In unsere Wohnung darf er allerdings keine Pfote setzen. Der Garten ist neutrales Terrain und wird von beiden Katzen mit Zähnen und Klauen gegen alle äußeren Einflüsse kätzischer Art geschützt. Hierbei verwandelt sich unser seelenruhiger Max in eine reißende Bestie, und Lieschen eilt ihm zu Hilfe, wenn er alleine nicht mehr klarkommt. Legendär ihr gestreckter Sprung vom Balkon mehrere Meter in die Tiefe und punktgenau auf einen fremden Kater, um Max im Kampf beizustehen.
In den letzten neun Jahren hat Lieschen Müller sich in eine rundliche, gefräßige, puschelige und liebenswerte Kat­­­zendame verwandelt. Sie kommt auf Zuruf oder Pfiff, begrüßt uns beim Nachhausekommen schon im Flur, springt nicht auf Tische oder Stühle, klaut kein Essen und ist immer bereit, Erste Hilfe zu leisten. Sie ist nämlich immer sofort zur Stelle, wenn jemand „Aua!“ schreit. Leider vergisst sie dabei das Verbandszeug, bringt dafür aber jede Menge Mitleid für den Verletzten zum Ausdruck …
Cornelia Müller

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