Liebelei auf der Wiese

Der Himmel strahlte blau, weiße Wölkchen zogen vorüber, die Bäume trugen ein frischgrünes Blätterkleid. Auf der Wiese schoben Fuchsschwanz, Glatthafer, Knäuel- und Weidelgras bereits ihre Blüten in die Höhe. Mit seinen weißen Blütenschirmen breitete der Wiesenkerbel einen hauchzarten Schleier über die Fläche, dazwischen leuchteten noch goldgelb die Blütenschüsselchen der Hahnenfüße und schon blau die Blütenteller des Storchschnabels. Obendrüber segelten die Fallschirme des Löwenzahns. Vom Wald her hörte man den Kuckuck rufen und die Meisen schlagen. Zitronenfalter und Kleine Füchse gaukelten zwischen den Blüten umher.

Mitten auf der Wiese wuchsen zwei Blumen, dicht nebeneinander und doch so weit voneinander entfernt, dass sie sich ganz knapp nicht berührten. Sie neigten sich gegenseitig ihre hübschen rosaroten Blütengesichter zu. Die eine wedelte neckisch mit ihrer Blütenfahne, was die andere mit einem Zwinkern ihrer Flügel erwiderte. Da bebten die unteren, zu einem Schiffchen zusammengelegten Blütenblätter, es lief ein Zittern durch die feinen Stängel, die Blättchen gerieten ins Flattern – schon war die Liebe entbrannt.
„Schatz, mein Liebchen“, flüsterten die beiden Blumen einander zu, „komm doch und lass dich liebkosen, umarmen, herzen und küssen.“
Und die Blümchen reckten ihre dreigeteilten Blätter, von denen jede Fieder eine anmutige Fleckenzeichnung trug, sich gegenseitig noch ein Stückchen weiter entgegen. Anstrengen mussten sie sich, mächtig, denn ihre Wurzeln hielten sie fest im Erdreich verankert, schienen sich der Liebe entgegen zu stemmen.

„Noch ein bisschen, nur noch ein bisschen“, stöhnte die eine Blume.

„Ich glaube, ich spüre dich“, seufzte die andere. Und tatsächlich, ihre Blättchen hatten sich so weit genähert, dass ihre Ränder zärtlich aneinander rieben. Aber eben auch nicht mehr.

„So rück doch an mein Herz, ich möchte dich so gerne herzen.“

„Wie gerne würde ich – es reicht nur nicht.“

„Doch, doch, rück noch ein Stück! Ach je, mir wird so weh.“

Ganz blümerant war es den beiden Blumen in ihrem Liebestaumel.

„Schau doch, die beiden Schmetterlinge! Wie sie sich gern haben! Und sieh, die Drohnen, wie sie die Bienenkönigin umschwärmen. Und dort die Grashüpfer, welche Leidenschaft. Und wir beide?“

Die zwei Blumen schauten sich tief und tiefer in ihre rosaroten Blütengesichter.

„Uns bleibt wohl nur die platonische Liebe.“

Die Nacht senkte sich über die Wiese. Das Gänseblümchen klappte seine weißen Zungen fein säuberlich über seinem goldenen Herzen zusammen, das Wiesenlabkraut hörte auf zu duften, während vom Geißblatt am Waldrand eine schwere Parfümwolke über die Wiese strömte. „Jelängerjelieber“, stöhnten die beiden Blumen, die zueinander nicht kommen konnten, und falteten ihre Blättchen niedergeschlagen nach unten. Am nächsten Morgen, die Sonne trocknete gerade den Tau, der auf dem Pärchen lag, kam eine dicke Hummel des Wegs gebrummt. Sie näherte sich unseren Blumen mit den rosa Blütengesichtern und den dreigeteilten Blättchen. Die beiden waren ganz schlaftrunken, hatten ihre Blättchen kaum aufgeschlagen und noch gar keinen Nektar zubereitet. Bis tief in die Nacht hatten sie sich ihre Liebe geschworen, Kosenamen zugerufen und nach trauter Zweisamkeit gesehnt. Das Brummen der Hummel wurde lauter, und ziemlich grobschlächtig hängte sich das Insekt an die rechts wachsende Blüte und schob gierig seinen langen Rüssel in den Kelch. Die Blume erschrak und schüttelte sich. Weil es in ihrem Schlund rein gar nichts zu holen gab, ließ die Hummel von ihr ab und brummelte davon.

„Liebling, wach auf“, rief die Blume ihrem Schatz auf der linken Seite zu. „Mich hat eine Hummel geküsst!“

„Wie bitte?!“ Enttäuscht wandte die linke Blume sich mit ihrer Blüte von der rechten ab. „Geh mir aus den Augen, du treulose Verräterin!“

„Aber nein … ich konnte doch nichts dafür … es ist nicht so, wie du denkst!“ Entsetzt über die Ungerechtigkeit ihrer Liebsten presste die rechte Blume Nektartränen aus dem Antlitz, so viele, dass die Blüte bald überlief.

Die linke Blume indes war sehr gekränkt und vergoss auch schwere Tropfen der Verzweiflung. Wie konnte sie sich nur so geirrt haben!
Angelockt vom verführerischen Duft des süßen Nektars, kehrte die dicke Hummel zurück. Dieses Mal steuerte sie die linke Blume an, rumste gegen die Fahne und klammerte sich mit grobschlächtigen Beinen an den Blütenblättern fest. Ihr langer Rüssel saugte das so bitterlich entstandene Nass bis auf den letzten Tropfen auf. Dann summte die Hummel wieder zur rechten Blüte. Auch hier labte sie sich am frischen, süßen Saft, rülpste zufrieden und kurbelte von dannen.

Entgeistert blieben die beiden Blumen zurück. Sie konnten kaum begreifen, wie ihnen geschehen war. Schüchtern blickten sie sich gegenseitig an.

„Sie hat mich wild geküsst, die Hummel! Und nicht mal gefragt hat sie“, sagte die eine verlegen.

„Mich hat sie auch geküsst und ich habe deine Liebe in dem Kuss gespürt“, flüsterte die andere voll Glückseligkeit.

„Wirklich?“ Die linke Blume war gerührt.

„Mit vollem Herzen!“, hauchte die rechte.

Die Luft knisterte vor Liebe. Und so kam es, dass die beiden Blumen auf der Wiese mit ihren rosaroten Kugelblüten jeden Tag ein bisschen weinten, dadurch wunderbaren Nektar erzeugten und mit ihren süßen Liebestränen Hummeln anlockten. Die pelzigen Räuber tranken bei jeder von ihnen die kostbare Flüssigkeit und tauschten dabei die Liebe aus. Die zwei Blümchen schwebten im siebten Himmel.
Mit den Jahren, Jahrzehnten und Jahrtausenden wiederholte sich die Geschichte millionenfach. Die Blumenkugeln lernten, nicht allein ihre Liebesgedanken in Nektar zu rühren, sondern die Hummeln wie andere Insekten als Kuriere auch für ihre körperlichen Begierden zu nutzen. Sie drücken ihnen beim Trinken ganz einfach Blütenstaub auf den pelzigen Bauch, den die nächste Blüte mit klebriger Narbe wieder abstreift.

Mit der Fahne locken sie die Liebesdiener herbei, mit den beiden seitlichen Flügeln weisen sie ihnen den Weg und im Schiffchen verbergen sie ihre edelsten Teile. Und weil das alles so perfekt funktioniert, drängten sich auf jedem Stängel über den dreigeteilten, silbern gefleckten Blättchen oft viele rosarote Blüten zusammen – in pummeligen Köpfchen. Täglich drücken sie Liebe in flüssiger Form in die Kelche, verführen Hummeln und schicken sie mit der amourösen Fracht zur nächsten Blume.

Es lebe die Liebe! Nicht nur beim Rotklee.
Karin Greiner

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