Krähenflüge

Ein besonderes Privileg dieser Blick aus dem Fenster, der nicht nur schöne Aussichten zu den vielfältigen Nachbarsgärten gestattet, sondern eine ebenso weiträumige Beobachtung des Himmelsbogens in all seinen wetterbedingten Erscheinungen. Das Glück, Sonnenaufgänge in sämtlichen Erscheinungsformen winters wie sommers erleben zu dürfen, ohne auf urbane Bequemlichkeiten verzichten zu müssen, wird wenigen zuteil.

Diese moderate Beobachtungsstation, das verstohlene Schauen hinter Fensterscheiben oder bei geöffneten Fensterflügeln, zeichnet sich im besonderen Geschenk des Erlebens der Natur und ihrer gefiederten Geschöpfe aus: Angefangen vom Besuch eines Rotschwänzchens auf dem geöffneten Laptop, über die badende Schar von Haussperlingen im alten Wellblechdach über dem Kaminholz der Nachbarin, bis hin zur Blaumeisenfamilie mit ihrem posierlichen Nachwuchs. Doch nichts erscheint beeindruckender als die Saatkrähen, die sich in der riesigen nachbarlichen Birke versonnen vom Wind wiegen lassen, wohl wegen des beachtlichen Walnussbaumes, der, fast die Höhe der Birke schon erreichend, den Garten auf breitem Raum überschattet. Die eine oder andere Saatkrähe erlaubt sich gelegentlich auch ein Schwätzchen über den Gartenzaun mit dem Hund, sich dabei artig im blau-schwarzen Frack verbeugend, sorgfältig die Krähenrituale beachtend, an Odin und seine weisen Raben Hugin und Munin erinnernd. Rührend das Aneinanderkuscheln der lebenslang verbundenen Paare, Bewunderung heischt ihr Flug: Wenn sie sich aus dem Baum stürzen, die tief gekerbten Handschwingen an den Außenseiten der Flügel weit gespreitet und sich sanft von den Winden tragen lassen, elegante Kreise ziehend, gleichsam den Luftraum als Parkett für archaische Tänze nutzend. Erinnerungen an versunkene Zeiten und Welten scheinen aus fernen Nebeln aufzutauchen und die Mahnungen des schamanischen Krafttieres Krähe sich zu realisieren: Sie lüftet Geheimnisse und bringt die Wahrheit ans Licht. In dieser Verbindung scheint es nicht verwunderlich, dass ihre Flüge am Himmel vor der Sonne gelegentlich denen der Adler gleichen, den Lichtbringern der Vogelwelt.

Es ist Herbst, die Krähen rufen – in einer Zeit, die der Enthüllung von Geheimnissen bedarf und die die Wahrheit ans Licht bringen muss.
Elke Gelzleichter

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.