Klapperlapapp

Wir kamen uns näher, als ich sie bat, die Klappe zu halten. Sie dankte mir mit einem Lächeln, mit dem man sonst alten Leuten über die Straße hilft.

„Warum werfen Sie denn Ihre Bücher weg?“ wollte sie wissen.

„Ich werfe nichts weg“, klärte ich sie auf, „ich erhalte Kulturgüter, indem ich sie anderen zugänglich mache.“

Ich nahm die restlichen Exemplare aus meiner Reisetasche und schob sie ins Regal. Sie ließ die Klappe fallen. Vor vierzehn Tagen erst hatte man die Bücherklappe hier eingerichtet, aber der Zuspruch war schon enorm.

„Wenn Sie sich von Kulturgütern trennen, dann sind Sie ein Kulturbanause“, ging sie mich an.

„Na, also wissen Sie, wenn man sich von seinen schlechten Angewohnheiten trennt, ist man ja auch nicht gleich ein Heiliger“, stellte ich klar.

„Haben Sie denn schlechte Angewohnheiten?“, legte sie nach.

„Na, die hat doch wohl jeder, mehr oder weniger jedenfalls.“

„Ich nicht!“

Jetzt schaute ich sie mir etwas genauer an. Frauen ganz ohne Nebenwirkungen begegnet man nicht alle Tage. Schlank, enge Jeans auf hohem Niveau, weiße Bluse, geschickt geknöpft, blaues Käppi schräg gesetzt. Alles zusammen so um die vierzig. Ganz passabel. Nur nervig halt.

„So, Sie nicht, das ist ja interessant. Da sind Sie wohl eine Ausnahme. Was machen Sie denn so?“

„Ich schreibe intelligente Texte.“

„Aha??? Woher wissen Sie denn, dass Ihre Texte intelligent sind?“

„Weil sie gelesen werden.“

„Nun, die Bild-Zeitung wird auch gelesen.“

„Papperlapapp! Ich schreibe mit Niveau. Meine Texte sind vollkommen anderer Natur.“

„Völlig“, verbesserte ich sie.

„Wie bitte?“

„Völlig anderer Natur.“

„Quatsch, kommen Sie mir nicht mit dieser Haarspalterei.“

Ihre Augen wechselten die Farbe, ein Knopf an ihrer Bluse war aufgesprungen. Sie sortierte unauffällig.

„Wenn Sie weiterhin intelligente Texte schreiben wollen, werden Sie schon auf sprachliche Ungenauigkeiten achten müssen“, entgegnete ich ungerührt.

„Na, erlauben Sie mal. Sie sind nicht mein Doktorvater.“ Schnipp-schnapp, ging das bei ihr.

„Der würde Ihnen aber auch nichts anderes raten“, konterte ich.

Es gibt Momente im Leben, da kann ein Kaffee Wunder wirken. Ich erzählte ihr davon. Sie hatte auch davon gehört.

Im „Pygmalion“, gleich am Rathausplatz, fanden wir noch ein Zweiertischen direkt am Fenster. Ich trank meinen Kaffee schwarz, sie bestellte zusätzlich ein Kännchen laktosefreie Milch.

„So, jetzt erklären Sie mir doch bitte mal, warum ich meinen Kaffee nicht vollkommen finden darf?“

„Ihren Kaffee schon. Auch Ihre Texte dürfen Sie vollkommen finden. Und ich, zum Beispiel, könnte Sie auch vollkommen finden, obwohl, mit Verlaub gesagt, ich mich noch nicht festlegen möchte.“

„Sehr charmant, aber damit können Sie sich Zeit lassen“, unterbrach sie gereizt.

Ich ließ mich nicht irritieren, sondern versuchte so behutsam wie möglich, nicht belehrend zu wirken.

„Vollkommen ist ein Wertbegriff. Sie finden ihren Kaffee so wertig, dass sie ihm das Prädikat „vollkommen“ verleihen. Mit Ihren Texten jedoch, wollen Sie sich von denen der Bild Zeitung „gänzlich“ oder „völlig“ unterscheiden. Hier geht es um das Quantum, die Menge. Eigentlich wollten Sie sagen, meine Texte sind ganz anderer Natur. Und da passt vollkommen einfach nicht. Wenn Sie Medien, Politik und Ihren engeren Wirkungskreis einmal darauf abklopfen würden, kämen Sie zu erstaunlichen Resultaten.“

Sie schaute mich an und schwieg. Wahrscheinlich dachten wir das gleiche. Wir sollten das Thema wechseln.

Ich winkte den Ober und bestellte noch zwei Kännchen Kaffee. Sie hielt ihn am Arm fest und fragte: „Sind Sie sicher, dass die Milch laktosefrei ist?“

„Vollkommen sicher, gnädige Frau.“

„Das heißt völlig, junger Mann. Vollkommen ist ein Wertbegriff und völlig ist ein Quantum.“

Mein Gott, jetzt hat sie´s, jubelte ich im Stillen. Ich hätte sie umarmen können.

Und so kam es, dass man seitdem im „Pygmalion“ keine laktosefreie Milch mehr servierte.
Friedrich Malinowski

Foto: lupo/pixelio.de

(2) Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der erste Satz der Geschichte ist genial zweideutig, er hat mich dazu bewegt, die Geschichte zu lesen. Ich mag den Sprachwitz und den Dialog, obwohl ich von Dialogen oft nicht so begeistert bin. Dieser gefällt mir, weil er die Charaktere sehr lebendig werden lässt.

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