Kein Trallala auf Sokotra

Unweit der Stelle, an welcher der komische Vogel „Aepyornis maximus“ seine Eier abzulegen pflegte, also auf der Nordspitze von Madagaskar, ungefähr in der Höhe des Hafens von Diego Suarez, gründeten knapp hundert Jahre vor der Französischen Revolution der Dominikanermönch Caraccioli und der von primitiven Idealvorstellungen beseelte Pirat Misson ihre eigene Freibeuterrepublik und gaben ihr den Namen „Liberta.“ Hier bereits schrieb man sich die utopisch-sozialen Zielsetzungen „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ auf die Fahnen. In Liberta gab es nur Gemeindeeigentum. Die einzelnen Wohngebiete durften nicht durch Hecken oder Zäune getrennt werden. Lebensmittel wurden als Naturalien verteilt und Geld gab es nur aus der Gemeinschaftskasse.

Welch paradiesische Zustände. Madagaskar schrieb Geschichte. Davon konnte Sokotra nur träumen.
Sie lag träge im Golf von Aden, umschlungen vom Indischen Ozean, blinzelte in das gleißende Sonnenlicht und wartete darauf, dass etwas passierte. Aber es passierte nichts. Absolut nichts. Nicht die mindeste Brise machte Anstalten, sich zu bewegen. Man gähnte sich den ganzen Tag in Langeweile.

Zur gleichen Zeit gerieten zwei deutsche Abenteurer, die mit einem Paddelboot auf den Wellen des Euphrats nach Bagdad unterwegs waren, in ein veritables Unwetter. Schleusenartig hatten sich die dunklen Wolkenberge urplötzlich geöffnet und schütteten unbarmherzig. Diese zyklonartigen Stürme, wie sie von Zeit zu Zeit über Mesopotamien hinziehen sind unberechenbar. Nasse Füße sind dann nur das kleinere Übel. So eine Abwechslung hätte Sokotra auf andere Gedanken gebracht, denn immer noch döste man in den Tag hinein.

Das änderte sich allerdings, als der ehrwürdige Leuchtturmwärter aus Altersgründen abgelöst werden sollte. Erst jetzt kam so etwas wie Bewegung in die Sache. Mac Callum, der Leuchtturmwärter, war auf der Insel sehr beliebt und angesehen, was zum einen daran lag, dass er schon frühzeitig den mohammedanischen Glauben angenommen hatte, zum anderen verstand er was von Ackerbau und Viehzucht, dem elementarsten Wirtschaftszweig auf Sokotra. Jetzt aber taten seine Beine es nicht mehr, seine Arme waren geschwollen, die täglichen Verrichtungen gelangen ihm nur noch unzureichend, und überhaupt sehnte er sich nach seinem heimeligen Kamin, der zu Hause auf ihn wartete. Wahrscheinlich würde er nun noch einige Zeit im Schaukelstuhl verbringen und sich dann unter seinem geliebten Drachenblutbaum begraben lassen.

Aber noch war es nicht so weit. Denn die für die Neubesetzung zuständige Regierung in Aden hatte den Generationenwechsel in dieser Sparte regelrecht verschlafen. Trotz aller Bemühungen wollte sich kein Nachfolger finden lassen. Was man auch versuchte oder versprach. Kein Job auf Sokotra!

An Tagen wie diesen, an denen nichts mehr geht, wohlfeile Wunder Wunschträume bleiben, hat sich hier, wie auch anderen Orts, die kultivierte Kunst des Aussitzens bewährt. Es sei denn, der Zufall kommt einem zu Hilfe. Ein Küstendampfer nämlich brachte die Nachricht nach Aden, dass zwei Deutsche auf der 100 Meilen entfernten Insel Perim angekommen seien und in den nächsten Tagen in Aden eintreffen würden. Sie hatten den Weg von München bis in den Golf von Aden im Paddelboot zurückgelegt und wollten weiter nach China. Die beiden Deutschen waren die Brüder Pappenberger, die später in die Annalen der Seefahrtgeschichte eingehen sollten.

Für die Präfektur in Aden stand fest, dass diese Fügung des Schicksals ein Fingerzeig von oben sein musste. Sogleich begann sich die Staatsmaschinerie in Bewegung zu setzen. Vorbereitungen für einen Staatsbesuch erster Klasse wurden angeordnet, die Präsidenten-Suite im renommierten Marina-Hotel am Hafen wurde hergerichtet und um den Hafen selbst, wo man die wackeren Deutschen erwartete, ließ man bewaffnete Patrouillen sicherheitshalber Streife laufen. Man scheute keine Kosten, eingedenk der Tatsache, dass es sich letzten Endes rechnen würde.

Als tags darauf der Küstendampfer am Kai anlegte, war ganz Aden mit Kind und Kegel aus dem Häuschen. Fähnchen schwingend jubelte man den tapferen Deutschen zu, die nach all den Strapazen in einer erstaunlichen Verfassung waren, und die mit ihren gutgläubigen, blauen Augen alles, was hier ablief, für jemenitische Gastfreundschaft hielten.

Am nächsten Tag gab es zwei Audienzen. Einmal die feierliche Eintragung in das Goldene Buch der Stadt Aden, die am Vormittag stattfand, und am Nachmittag ein Treffen mit der Ministerin für Verkehr und Landwirtschaft. Die Ministerin hatte ihren Doktor in Deutschland gemacht, sprach ein sauberes Deutsch und bestand darauf, sich handschriftlich mit einem Grußwort und den besten Wünschen für die Heimfahrt im Reisetagebuch der Pappenberger verewigen zu dürfen. Danach tauschte man Nettigkeiten aus, kam man sich näher, wobei die Ministerin erfuhr, dass der jüngere der beiden Brüder, Jakob, einen abgeschlossenen Master in den Ingenieurwissenschaften in der Tasche hatte. Das gab den Ausschlag.

Tag drei nach Pappenberger platzte die Bombe. In einer nächtlichen Marathonsitzung hatte der Rat der Stadt Aden einstimmig beschlossen, Bruder Jakob den vakanten Posten des Leuchtturmwärters anzutragen. Adäquat dazu sollte sein Bruder einen nicht unerheblichen Geldbetrag erhalten, der es ihm ermöglichte, sich während seiner Reise nach China über Wasser zu halten.

Man verlor keine Zeit. Mit dem hoffnungsvollen Leuchtturmwärter-Aspiranten an Bord, machte sich der Tender „Stella“ und seine Crew, die verantwortlich für die Versorgung der Leuchttürme und Seezeichen mit allen notwendigen Dingen war, auf den Weg nach Sokotra. Kurz vor dem Ziel wurde ein Dingi zu Wasser gelassen, mit dem der Deutsche Jakob Pappenberger dem Strand zu pullte. Durch ganz Sokotra ging ein Ruck.

Zwei Wochen später meldeten in Aden einlaufende Schiffe, das Feuer von Sokotra brenne nicht mehr. Sofort stach die „Stella“ in See, um nach dem Rechten zu sehen. Und in der Tat, das Feuer brannte nicht und von dem jungen Deutschen keine Spur. Viel später erst fand man unterhalb des Leuchtturms ein Häufchen abgenagter Knochen. Seither ist das Leuchtfeuer der Insel automatisch. Metall mögen Kannibalen nicht. So schrieb auch Sokotra Geschichte. Eine traurige, aber immerhin …
Foto und Text: Friedrich Malinowski

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