Judasküsse

Freundliche Zeitgenossen mag ich. Also Menschen, die höflich und aufmerksam sind. Ein Lächeln, ein Gruß, ein kleine Hilfe, wenn Not am Mann ist. Ein „Wie-geht-es-Dir-Anruf“, wenn ich Kummer habe, ein Glas Grog von der Nachbarin, wenn ich mit einer Erkältung im Bett liege … und so weiter … und so weiter. Es gibt viele Möglichkeiten, einem anderen Menschen Wertschätzung zu zeigen. Dazu muss man ihn nicht mal besonders gut kennen. Auch ein freundliches Tür-Aufhalten eines Fremden ist eine schöne Geste.

Wie gesagt, ich mag freundliche Menschen. Was ich aber nicht ausstehen kann, sind Menschen, die ich als „Judasküsser“ bezeichne. Zur Veranschaulichung ein Beispiel, erlebt vor einigen Jahren. Ich war zum Kaffeeklatsch eingeladen. Bei einem Ehepaar, mit dem ich eine lockere Freundschaft pflegte.

Es war ein sonniger Sommernachmittag, als ich die Wohnung des Ehepaares betrat und überschwänglich begrüßt wurde. Ja, ich fühlte mich herzlich willkommen. Es gab Prosecco, Kaffe und Kuchen und eine gut gelaunte Gästeschar. Dann klingelte es an der Tür. Ein weiterer Gast erschien. Es handelte sich um eine junge Frau, die ebenfalls aufs Herzlichste begrüßt wurde.

Diese junge Frau war es, die nach zwei Stunden als erste den Kaffeklatsch verließ, und die Verabschiedung verlief genauso herzlich wie die Begrüßung. „Wir müssen uns unbedingt bald wieder treffen …“, ließ die Gastgeberin verlauten, “wir sehen uns viel zu selten …”. Sie umarmte die junge Frau wieder überschwänglich. Küsschen auf die linke und rechte Wange waren natürlich auch dabei. Diese junge Frau schien eine sehr gute Freundin der Gastgeberin zu sein.

Doch kaum war die Tür hinter der jungen Frau zugefallen, ging es los: „Habt ihr die Schuhe gesehen?! Und diese Frisur … völlig daneben! Und überhaupt, die X … hat ja einen furchtbaren Geschmack.“

Die Gastgeberin ließ an der jungen Frau kein ein einziges gutes Haar, und die Frau, die sich aufgrund von Abwesenheit nicht wehren konnte, wurde durch den Kakao gezogen, wie es schlimmer nicht geht. Angesichts dieser Gehässigkeiten fragte ich mich, wieso sie überhaupt eingeladen war.

Als ich dann eine Weile später auch von dannen zog, wurde ich genauso freundlich verabschiedet wie die junge Frau. Und auf der Nachhausefahrt fragte ich mich, was hinter meinem Rücken wohl über mich gesprochen wurde. Nichts Gutes vermutlich. Und meine Vermutung war richtig – wie ich später erfahren habe.

Nun, ich mag auch nicht jeden Menschen. Es gibt sogar welche, die ich gar nicht leiden kann. Solche Menschen lade ich aber nicht ein, sondern gehe ihnen aus dem Weg. Lässt sich das nicht vermeiden, dann küsse ich sie nicht auf die Wange, sondern grüße sie knapp – mit einem Kopfnicken.

Andere Menschen – andere Sitten. Es gibt nämlich Menschen, die anfangs erwähnten Judasküsser, die einen freundlich ins Gesicht lachen, einen herzlichst begrüßen, in Netzwerk-Foren und Blogs die liebenswürdigsten Kommentare hinterlassen, angesichts derer jeder Nicht-Eingeweihte denken muss: Wow, die sind ja besonders dicke Freunde …

Aber von wegen Freunde – alles nur Show! Denn während der Judas mit einem liebenswürdigen Lächeln die Wange des Gegenübers küsst, hält er hinter dem Rücken bereits das gewetzte Messer und wartet nur auf die Gelegenheit, zustechen zu können. Und ist es dann irgendwann soweit, lächelt er selbst dann dem Kontrahenten noch ins Gesicht. Was so ein Judas mit seinem Verhalten bezweckt, ist mir allerdings ein Rätsel. Denn wirkliche Freunde schafft er sich damit nicht.

Es gibt übrigens auch weibliche Judasse. Meiner Erfahrung nach sind sie sogar in der Überzahl …
Renate Blaes

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