Ich bin ein Kutty!

Wenn das Alter in die Jahre kommt, suchen die Erinnerungen ein Zuhause.

Mein Zuhause war Kutenholz.

Ich meine das Kutenholz der frühen Jahre, wo im Mai die Kastanien weiß-rot blühten und die Wiesen und Wälder zu duften begannen, wo in der Frühe das Krähen des Hahnes sich mit dem Scheppern der Milchkannen mischte um die Zeit anzusagen, wo die Jungen auf der Straße Kippel-Kappel spielten und die Mädchen noch Kleider und Zöpfe trugen.

Und ich meine das Kutenholz, wo eine heitere Sonne schien, die über die ländliche Idylle eine geruhsame Beschaulichkeit breitete und ihr einen besonderen Reiz verlieh.

Vor dem Haus, in dem wir wohnten, stand ein Kastanienbaum. Mit seinem von Laub verdeckten, ausladenden Geäst stand er da wie ein aufgetürmter Riese. Als einmal ein Blitz in seine Krone schlug und den Baum fast in zwei Hälften spaltete, er aber immer noch da stand wie ein Fels, festverwurzelt, souverän und unbeeindruckt, erschien tags darauf sein Bild in der Zeitung. Darunter der Name: Aesculus Hippocastanum. Sogleich fand sich ein Heimatkundler, der in einem etymologischen Traktat die Herkunftsbezeichnung des Namens Kutenholz mit der lateinischen Bezeichnung „Aesculus“ zu verknüpfen wusste. Was aus der Geschichte wurde weiß man nicht, aber es gibt noch eine ganz andere Geschichte, die man sich erzählte und die ich hier erstmals zu Papier bringe.

Vor vielen Jahren, als hier noch alles brach lag, nur Wälder ringsumher und Moore, kam der liebe Gott – in Gestalt eines Menschen – auf die Erde, um nach dem Rechten zu sehen. Unterwegs traf er in einem Waldstück, vermutlich in der Gegend des heutigen Fredenbeck, auf einen alten Mann, der damit beschäftigt war, aus einem mächtigen Holzscheit, eine menschliche Figur zu schnitzen. Da Gott keine Konkurrenz zu fürchten hatte, begegnete er den alten Herrn mit Wohlwollen, während er ihn bei der Arbeit zusah. Die Figur war auch schon fast fertig, nur das Rückgrat musste noch gradiert und eine Bauchfalte entfernt werden. Fertig! Der liebe Gott staunte nicht schlecht, als er auf die Gestalt sah, die vor ihm auf den Waldboden stand. Insgeheim musste er sich eigestehen, dass er es besser auch nicht vermocht hätte. Stolz stand sie da und prächtig anzuschauen. Die Proportionen waren ausgewogen, die Gesichtszüge nuanciert herausgearbeitet und überhaupt konnte man den Eindruck gewinnen, es müsse sich um ein besonderes Material handeln, um ein so menschliches Ebenbild zu erschaffen. Aber eines war die Figur nicht, sie war nicht lebendig. Also beugte sich der liebe Gott, immer noch ergriffen, zu der hölzernen Figur hinab und flößte ihr den göttlichen Odem ein.

Auf einem Mal sprang die Holzfigur auf und mit langen, weiten Schritten lief sie in den Wald hinein. „Halt, halt“, schrie der alte Mann, „der hat ja noch gar keinen Namen.“

„Lass ihn ruhig laufen“, beruhigte Gott den aufgebrachten Alten, „das soll der Urahn der Kutenholzer werden, und wenn du willst, kannst du ihn ja Kutty nennen.“

Es gibt keine Belege für diese Geschichte, auch im ab gelegensten Winkel der Erde nicht. Aber braucht man Belege, wenn man Gottvertrauen hat?
Friedrich Malinowski

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