Himmlische Himbeertörtchen

Zu einer Zeit, als man dem Handwerk in Münster noch einen goldenen Boden nachsagte, gelang Jean Matin, dem Besitzer der kleinen Konditorei an der „Romantischen Ecke“ auf Münsters Prinzipalmarkt, nach einer durchzechten Nacht, mit noch brummenden Schädel, aber noch vor Morgengrauen, der große Durchbruch. Statt der üblichen Schattenmorellen, die er dank seines beklagenswerten Zustandes in der Eile nicht hatte finden können, setzte er dem Himbeermus, welches er für die Füllung seiner Törtchen verwendete, einfach eine gute Handvoll roter Sauerkirschen zu.

Gegen Mittag stand die Bude voll.

Man musste den großen Meister aus dem Bett holen und als er den Laden betrat, fingen die Leute an zu klatschen. In der Tat, diese unglaublich delikaten Himbeertörtchen, manche behaupteten, sie wären nicht von dieser Welt, sie seien einfach himmlisch, waren fort an nicht nur das Stadtgespräch in Münster, auch auf dem Land begannen sich bisher unbescholtene Kaffeetanten zusammen zu rotten, um den Prinzipalmarkt zu erstürmen. Trinkfreudige Kegelbrüder mutierten zu biederen Milchkaffeetrinkern, wenn es nur ein Himbeertörtchen dazu gab. Aus dem Berner Oberland in der Schweiz kam ein Ersuchen um die Genehmigung zur Eröffnung einer Dependance zum Zwecke der Verbreitung von Backwaren nach dem Originalrezept.

Tja, damals war was los in Münster.

Eines Tages betrat ein älterer Herr, elegant gekleidet mit Zylinder, Gehrock und weißer Hose das Café und ließ sich von der Verkäuferin eine Erdbeerschnitte einpacken. Noch halb im Weggehen fiel sein Blick auf die verführerischen Himbeertörtchen in der Vitrine. Leicht verlegen gab er die Erdbeerschnitte zurück und bekam dafür ein Himbeertörtchen, welches er auf der Stelle aufaß. Dann verabschiedete er sich, sichtlich zufrieden und schritt zur Tür.

„Mein Herr“, rief ihm die Verkäuferin nach, „Sie müssen noch ihr Himbeertörtchen bezahlen.“

„Dafür habe ich Ihnen doch die Erdbeerschnitte gegeben.“

„Die haben Sie aber auch nicht bezahlt.“

„Die habe ich ja auch gar nicht gegessen.“

Er deutete noch eine Verbeugung an, lüftete den Zylinder und verschwand.
Friedrich Malinowski

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