Gottfried der Stinker

Es gibt Menschen, mit denen das Schicksal es einfach nicht gut meint. Zu ihnen gehörte Gottfried. Gottfried war der jüngste Sproß einer Bauernfamilie im Schwarz¬wald und hatte nur deswegen das Licht der Welt erblickt, weil die Bäuerin es nicht übers Herz brachte, eine Engelsmacherin aufzusuchen. Für kurze Zeit hatte sie es zwar in Erwägung gezogen, aber weil sie gläubige Katholikin war, sich dann anders entschieden. Entgegen den zornigen Forderungen ihres Mannes, der meinte, die bereits vorhandenen fünf Kinder seien mehr als genug, und wenn sie es nicht wegmachen ließe, würde er es gleich nach der Geburt an die Gartenmauer hinter dem Haus schmeißen. Genau so, wie er es zweimal im Jahr mit den kleinen Kätzchen tat.

Gottfried wurde geboren und nicht an die Mauer geschmissen, was möglicherweise die gnädigere Variante gewesen wäre. Als er ein Baby war, ignorierte der Vater ihn komplett, seine von ihm aufgehetzten Geschwister konnten ihn auch nicht leiden. Großeltern hatte er keine, die waren bereits alle verstorben. So war der einzige Mensch, der Gottfried Zuneigung entgegenbrachte, seine Mutter. Die zurückhaltende und durch ihren Mann eingeschüchterte Frau nahm ihn – wenn niemand anwesend war – aus dem Weidenkorb, wiegte ihn auf den Armen hin und her, spielte mit seinen kleinen Fingern, küßte die pausbäckigen Wangen und sang ihm Liedchen vor, was er unter Strampeln und Lächeln mit gutturalen Lauten quittierte. War die Mutter aber im Stall, auf dem Feld oder sonstwo, konnte der kleine Kerl so laut schreien wie er wollte, niemand kümmerte sich um ihn. Einzige Reaktion auf seine Verzweiflung war höchstens die, daß eines seiner Geschwister mit einer unwilligen Bewegung den Korb unsanft in ein anderes Zimmer zerrte und demonstrativ die Tür zuknallte. Dort, in der Einsamkeit, brüllte Gottfried so lange, bis er vor Erschöpfung einschlief.
Als er laufen konnte, fiel er die Steintreppe von der Küche zum Keller hinunter und brach sich ein Bein, das nicht mehr richtig zuammenwuchs und kürzer blieb als das andere. Seitdem hinkte er ein wenig.

Als er sprechen lernte, sagten seine Geschwister, er solle den Mund halten. Und so redete er, außer mit seiner Mutter, fast nur mit sich selbst. Allerdings nur, wenn er alleine war. Und das war er oft, denn Spielkameraden hatte er keine. Der Grund dafür war vor allem der, daß der Einsiedlerhof, auf dem seine Familie lebte, gute zwei Kilometer vom Dorf entfernt hinter einem Wäldchen lag und sich so gut wie kein Mensch jemals hier her verirrte. So saß Gottfried meistens mutterseelenallein im Garten vor einem Gemüsebeet, buddelte mit seinem Schäufelchen in der Erde herum und unterhielt sich mit sich selbst oder den Hühnern und Gänsen, die um ihn herum wuselten, nach Körnern und Würmern pickten und mit aufgeregtem Geschrei und schlagenden Flügeln davon rannten, wenn er sie streicheln wollte.

Als Gottfried fünf Jahre alt war, beendete sein Vater die Zeit des wohligen Müßiggangs und konfrontierte ihn mit dem Ernst des Lebens. Gottfried mußte arbeiten, mußte den Gegenwert dessen leisten, was er jeden Tag „wegfraß“. Anfangs war er froh, endlich in die Gemeinschaft aufgenommen worden zu sein und fütterte mit Begeisterung die Schweine, suchte Eier im Hühnerstall, warf den Kühen frisches Gras vor, sammelte Fallobst unter den Bäumen ein, drehte mit seinen dünnen Armen die Kurbel des Butterfasses so lange, bis er kaum noch Kraft hatte, weil das Fett der Milch sich allmählich von der Flüssigkeit trennte und in schweren Klumpen an den Schaufeln des Rades klebte, stampfte mit seinen kleinen Füßen frisch geerntetes Heu bis unter den Giebel der Scheune zusammen und tat ohne zu murren alles, was ihm aufgetragen wurde. Die sehnlich erwünschte Anerkennung allerdings blieb ihm versagt. Meistens hatte sein Vater etwas auszusetzen, vor allem an der Geschwindigkeit, mit der Gottfried die Dinge erledigte. Und zugegebenermaßen tat er das nicht besonders schnell, sondern sehr bedächtig. Lediglich von der Mutter erhielt er ab und zu ein paar Lobesworte. Manchmal strich sie auch zart über seine verfilzten Haare, seufzte aus tiefem Herzen, und Gottfried ahnte, warum.

Als er sechs Jahre alt war, kam er in die Schule, und dort erging es ihm auch nicht besser. Die anderen Kinder hänselten ihn vom ersten Moment an, machten sich lustig über sein Hinken, und die Tatsache, daß seine oberen Vorderzähne wie die eines Hasen über den unteren schwebten, sorgte für zusätzlichen Spott. Außerdem stellte sich sehr schnell heraus, daß Gottfried nicht der Hellste war. Ob es mangelnde Intelligenz oder einfach nur Verunsicherung war, kann im Nachhinein niemand sagen. Auf alle Fälle stand er immer vor der Tafel „wie der Ochs vorm Berg“, wie Fräulein Olsmann, seine ledige Lehrerin, sich auszudrücken pflegte. Im Grunde war sie gar nicht übel, im Gegenteil. Sie war zwar streng aber gerecht, sie erkor auch Schüler mit schneller Auffassungsgabe und guten Noten nicht zu ihren Lieblingen, trotzdem fehlte ihr aber das, was eine guten Pädagogen ausmacht: Sensibilität und Feingefühl. Ob sie über diese Eigenschaften ursprünglich verfügte und sie im Laufe der dreißig Jahre, in denen sie sich als Dorfschullehrerin bemühte, „ihren“ Kindern wenigstens die Fundamente über die Dinge des Lebens beizubringen, aus Resignation einfach verloren hatte, auch das läßt sich heute nicht mehr sagen. Der „dumme“ Gottfried jedenfalls wurde für seine falsch gelösten Aufgaben mehrmals die Woche vor allen Kindern mit „Tatzen“ bestraft. Das sind kleine, scharfe Schläge auf die empfindliche Handfläche mit einer dünnen Weidenrute. Unter den hämischen Blicken seiner Schulkameraden, den Kopf tief in die Schultern gezogen und die Hasenzähne durch ein angedeutetes, verlegenes Grinsen halb entblößt, tat er so, als würde ihm die peinliche Prozedur nichts ausmachen. Was wirklich in ihm vor ging, darüber hat er mit niemanden gesprochen. Auch mit seiner Mutter nicht.

Das ersten beiden Schuljahre überstand er einigermaßen und wurde auch mit knapper Not in die dritte Klasse versetzt. Dann aber blieb er das erste Mal sitzen, was ihm eine kräftige Tracht Prügel von seinem Vater einbrachte. Die Mutter stand hilflos daneben, wollte eingreifen, lief aber Gefahr, selbst ins Gemenge zu geraten. So rang sie lediglich die Hände und stieß immer wieder aus: „Franz … aber Franz … jetzt laß es doch gut sein! Der Junge kann doch nichts dafür!“ Aber Franz hörte nicht eher auf, bis er seine Aggressionen aus sich heraus geprügelt hatte. Das hatte er so gelernt. Von seinem Vater. Auch dessen Glaubenssatz, daß Prügel zu einer guten Erziehung gehören, hatte er übernommen.

Die nächste Versetzung überstand Gottfried mit Ach und Krach, an der übernächsten jedoch scheiterte er wieder und wurde damit zum Gespött des ganzen Dorfes. Zu diesem Zeitpunkt begann er, die Schule zu schwänzen und die Unterschrift auf den Entschuldigungen zu fälschen. Anfangs ging alles gut. Die Mutter dachte, ihr Sohn sei in der Schule, und die Lehrerin dachte, ihr Zögling sei krank. Eines Tages aber griff der Dorfpolizist ihn zufällig im Wald auf, und der ganze Umfang der Schwindeleien kam ans Tageslicht. Daraufhin verdrosch ihm sein Vater derart den Hintern, daß der Junge ein paar Tage lang nicht auf der harten Holzbank sitzen konnte, was Fräulein Olsmann sehr gelegen kam. Sie stellte ihn als abschreckendes Beispiel in die Ecke. Dort stand er, den Kopf wieder in die Schulter gezogen, die Hasenzähne grinsten verlegen.

Als Gottfried das dritte Mal nicht versetzt wurde, nahm das kein Mensch mehr zur Kenntnis. Dafür erregte etwas anderes die Aufmerksamkeit seiner Umwelt. Gottfried furzte. Kleine, heimliche aber ungemein stinkende Fürze entwichen seinem Hintern. Seine Mutter meinte, das käme von den Unmengen Schweinefleisch, das er täglich vertilge. Diese Erklärung interessierte aber niemanden.
„Fräulein Lehrerin, der Gottfried stinkt wieder!“ Erbarmungslos hingen die denunzierenden Worte im Klassenzimmer und Gottfrieds Hintermann wedelte fröhlich mit der Hand. Fräulein Olsmann unterbracht abrupt ihren Lehrauftrag, ging mit strammen Schritten auf Gottfried zu, schnupperte mit gerümpfter Nase und befahl: „Gottfried, raus!“ Dabei deutete ihr ausgestreckter Finger unmißverständlich zur Tür.

Gottergeben schob Gottfried sich aus seiner Bank, verließ das Klassenzimmer und trabte hinkend um das Schulgebäude herum. Dreimal. So wie jedes Mal. Große Fenster an West- und Ostseite ermöglichten den schadenfroh gaffenden Mitschülern den Blick auf seine Canossarunden. Sie lachten laut und zählten mit: „Eins. Zwei. Drei.“

Mit hängendem und hochrotem Kopf schlich er danach wieder ins Klassenzimmer und schob sich in die Bank. „Gottfried, der Stinker. Gottfried der Stinker“, flüsterten einige, und auf der Straße riefen sie es laut hinter ihm her.

Als Gottfried vierzehn Jahre alt war, fehlte er wieder einmal, und alles dachte natürlich, er schwänzt. Aber auch am nächsten Tag tauchte er nicht auf. Fräulein Olsmann schickte den Dorfpolizisten zu seiner Mutter, die angstvoll den Kopf schüttelte.
Drei Tage später fand ihn zufällig ein Pilzsammler. In der Schlucht hinter dem Wäldchen, nicht weit entfernt von seinem Elternhaus. Neben Gottfried, halb verdeckt durch feuchte Blätter, lag das Jagdgewehr seines Vaters.
Renate Blaes

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.