Erinnerungen

Vor ein paar Tagen ist meine Tante, nach längerer Krankheit, im Alter von 83 Jahren, von ihrem Leiden erlöst worden. Die Schwester meiner Mutter, sei friedlich eingeschlafen, teilte man uns mit und wie es bei Ereignissen dieser Art immer so ist, erinnert man sich gerne an die schönen und guten Zeiten, die man miteinander verbracht hat.

Zu den schönen Zeiten zählt für mich ganz klar die Kindheit. Eine Zeit, in der unsere Großmutter bei meiner Tante im Haushalt gelebt hat und wir Kinder fast jede Gelegenheit wahrgenommen haben, die beiden zu besuchen. Natürlich gab es auch einen Onkel, aber der war meist arbeiten und hat nichts davon mitbekommen, dass die Kinder sein Haus auf den Kopf stellten.

An Geburtstagen, oder zu besonderen Anlässen kam die Verwandtschaft zu Kaffee und Kuchen zusammen und die Kinder durften im Garten spielen. Stets gab es selbstgebackene Kuchen und Torten und alle waren glücklich und zufrieden, denn meine Tante konnte die besten Torten weit und breit machen. Zumindest jedoch, die besten Torten in der ganzen Verwandtschaft. Und weil das so war, haben wir Kinder sehr schnell herausbekommen, dass der Geburtstag, der Namenstag, oder wie auch immer all diese „Jubeltage“ hießen, es gab derer unzählige, gar keine besonderen Tage waren.
Nein, viel wichtiger und schöner waren die „Vortage“ der Jubeltage, denn an denen wurden die ganzen Torten gebacken, gegossen und verziert.

Schon mehrere Meter vor dem Haus stieg einem der Geruch von selbstgebackenem Tortenboden und diversem Gebäck appetitanregend in die Nase. Wir waren immer ganz neugierig, was es denn alles geben würde und hofften vor Betreten der Küche noch rechtzeitig vor dem Backen anzukommen. Da gab es Erdbeer-, Kirsch- und Stachel- oder Johannisbeertorten, auf denen es sich die Früchte in einem Bett aus Vanillepudding gemütlich gemacht hatten, bevor sie mit Tortenguss überzogen wurden. Sehr beliebt war auch der gedeckte Apfelkuchen mit Rosinen-/Mandelfüllung, einer Prise Zimt zwischen den Äpfeln und Zuckerguss auf dem Deckel. Der Deckel war es auch, der von Kuchen zu Kuchen immer dünner wurde. Aus unerklärlichen Gründen mangelte es oft am Teig. Später, als wir größer waren, wurden die Rosinen dann auch schon mal drei Tage lang in Rum eingelegt.

Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich zu dieser Zeit von meiner Mutter den Satz hörte: „Da hätt ich meinen letzten Hut drauf verwetten können, dass ich dich hier antreffe.“ War ja eigentlich auch klar, denn wir Kinder durften immer die Kuchenschüssel ausschlecken, oder vom Teig probieren. So hatte jedes Kind seinen Lieblingskuchen. Meine Cousine mochte am liebsten den Käsesahnekuchen mit Mandarinenstückchen oder Eisgrillage. Mein heimlicher Favorit war immer Buttercremetorte. Die gab es mit heller (Vanille) oder dunkler (Kakao) Buttercrememasse, aber seltsamerweise hab ich nie die Torte gegessen. Ich mochte immer nur die Creme. Die hatte immer einen herrlichen Geschmack von frischer Butter und Vanille oder Schokolade. Meine Großmutter behauptete jedes Mal, dass man schon vom Duft satt werde. Dem konnte natürlich keines der Kinder zustimmen, und so wurde auch regelmäßig die Spritztüte mit Tülle gesucht, die den Kuchen mit Häubchen verzieren sollte und auf so wundersame Art und Weise, kurz vor der Verzierung des Kuchens, samt Inhalt verschwand.

Auf Nachfrage, ob wir die Spritztüte mit Buttercreme gesehen hätten, schüttelten wir Kinder stets den Kopf und hatten die allergrößte Mühe, unsere prall gefüllten Wangen hinter einer Schüssel zu verbergen und ein glaubwürdiges „Mmmm, Mmmmhh.“ heraus zu drücken. Aber wir haben nie größeren Ärger bekommen.

Neulich, als meine Mutter und meine Schwiegermutter zum Kaffee kamen und selbstgemachten Kuchen mitbrachten, stellte ich fest, dass ich überhaupt kein Kuchenesser mehr bin. Ganz anders unsere Tochter. Sie isst, wenn auch in Maßen, sehr gerne Kuchen. Während ich also noch einen Schluck Kaffee trinke, flüstert meine Mutter unserer Tochter etwas ins Ohr. Nachdem sie ihren Kuchen aufgegessen hat, fragt mich die Tochter: „Papa, weißt du, was eine Seek öhm ist?“

„Ja, das ist eine Ameise“, erkläre ich.

„Woher wusstest du das?“

„Meine Oma hat früher mit mir Platt gesprochen und daher weiß ich das.“

„Sag doch mal was auf Platt, Papa“, fordert unsere Tochter mich auf.

„Ich spreche kein Platt, aber verstehen tu ich jedes Wort. Wenn du möchtest, erzähl ich dir die Geschichte von der Krähe.“

„Von der Krähe? Was war denn mit der Krähe? Erzähl mal!“

„Also, als ich mal wieder meine Oma besucht habe und unsere Tante fleißig mit Kuchen backen beschäftigt war, da kam …“
„… kam eine Krähe angeflogen. Richtig?“ fällt unsere Tochter mir ins Wort.

„Ja, und unsere Oma und die Tante haben sich immer auf Platt unterhalten. Wir Kinder waren also schwer damit beschäftigt, den Kuchenteig und die Buttercreme einer bis dahin noch nie gekannten sehr umfangreichen Qualitätsprüfung zu unterziehen, als besagte Krähe angeflogen kam und am Bach vor dem Haus entlang stolzierte.
Das sah meine Tante und sagte zu unserer Oma: ‚Nu kiek disch die vörflexte Krohn ahn. Jeet die an de Bääk längs‘ (Nun schau dir die verflixte Krähe an, wie die am Bach entlang stolziert). Weil unsere Oma aber schon etwas älter war, hat sie wohl nicht alles so verstanden und hat zurückgefragt: ‘Hätt die och enne Honk dobee?’ (Hat die auch einen Hund dabei?). ‘Watt, die Krohn hätt ne Honk? Ja, wat deest du dich dann vör enne Vortell ahn?” (Was, die Krähe hat einen Hund. Was erzählst du denn da?). ‘Ach, die Krohn. Isch hann zuörsch jet angeresch vörstange. Isch woll all frore ob die fusse Hoor hätt.‘ (Ach, die Krähe. Ich hatte zuerst etwas anderes verstanden. Ich wollte schon fragen, ob die rote Haare hat.)“

„Ha ha! Papa, sag mal, wie macht man denn eine Qualitätsprüfung?“

Ich flüstere unserer Tochter etwas ins Ohr, während alle Augen auf uns gerichtet sind. Dann grinst unsere Tochter und sagt zur Oma: „Oma, weißt du eigentlich, wie man Buttercremetorte macht?“

„Nein, mein Kind“, antwortet die Oma, die schon genau wusste, dass sich ein Backtag anbahnen würde, und um dem zu entgehen, fügt sie hinzu: „Ich hab nicht die geringste Ahnung und kann auch keine Buttercreme machen.“

„Na, das trifft sich aber vorzüglich. Dann kannste ja gleich am Wochenende anfangen zu üben“, lacht unsere Tochter ihre Oma an, „und auf jeden Fall benötigen wir eine schöne große Spritztüte mit Tülle, für die Verzierung.“

Mike Frajese

Foto: ro18ger/pixelio.de

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