Eine Bank namens Wanda

oder: Wem Beine gegeben sind, der wandere …

Wanda war alt, aber bequem, nicht schön, aber stabil, ein Möbelstück, das sich geliebt wähnte. Sie fühlte sich wohl in ihrem Garten, hatte ein schattiges Plätzchen neben dem Holunder. Sie bot ihren Menschen im Sommer eine Zuflucht, wo sie träumen konnten, ein Pfeifchen rauchen oder miteinander plauschen. Wanda war eine grau gewordene, weiß gewesene Plastikgartenbank. Keine von den dünnen, die sofort zusammenbrechen, wenn Kinder auf ihr herumtoben, nein – sie war eine durch und durch stabile, schwere, massive Bank.

Ihren Namen hatte sie von den Gartengnomen erhalten, die sich früh morgens und spät abends mit ihr unterhielten. Niemand sonst wusste ihn. Wanda war stolz darauf, einen Namen zu haben, welche Gartenbank besaß einen eigenen Namen? Sie kannte nicht eine. Ehrlich gesagt, sie kannte überhaupt keine anderen Bänke. Stühle eine Menge, auch den Tisch, aber die hatten nicht den Sinn fürs Kommunikative wie sie. Diese Möbel lümmelten den ganzen Tag herum und verstanden sich nicht mit den Gnomen.

Doch dann kam das Frühjahr, in dem sich für Wanda alles änderte. Viel Schnee hatte auf ihr gelastet in diesem langen Winter. Der Frost hatte unzählige winzige Risse in ihrem Kunststoffkörper hinterlassen und das Schmelzwasser Schmutz in sie hineingespült. Sie war unansehnlich geworden, noch grauer, blieb aber stabil und bequem wie immer. Als ihre Menschen begannen, den Winter aus dem Garten zu vertreiben, musste sie bedrohliches Gespräch mit anhören:

„Nein, Helmut! Nun endlich möchte ich eine neue Gartengarnitur haben. Diese Bank ist hässlich, man kriegt sie nicht mehr richtig sauber.“

„Aber sie ist so bequem und was Massiveres findest du nicht!“

„Natürlich! Wir kaufen uns eine von den schicken Holzbänken, die sind genauso stabil und sehen um Klassen besser aus.“

Dagegen konnte Helmut nichts einwenden, schön war die Kunststoffbank wirklich nicht. Etwas schwermütig setzte er sich auf sie, streichelte sie versonnen und steckte sich eine Pfeife an – ein letztes Mal. Eine halbe Stunde später war er mit seiner Frau auf dem Weg in den Baumarkt. Zwei Stunden danach wurde Wanda von ihrem Stammplatz weggetragen, in die Kramecke hinter der Garage in die Knallsonne gestellt und durch eine namenlose Holzbank ersetzt.

Der Schreck darüber saß tief in ihrem Plastikkörper. Was geschah mit ihr? Wo war der Holunder, wo die Gartengnome, wo die Menschen? Hier gab es kein Gras, nur Steine – wie hart unter ihren Füßen! Sie war verstoßen worden …

Spät abends kamen Gnome und erklärten ihr, dass eine taubstumme Holzbank ihren Platz okkupierte, der sie keine zwei Jahre gaben, denn sie faulte von innen. Das hatten sie gleich bemerkt. Kein Vergleich zu dir! Außerdem ist sie eckig, man kann auf ihr nicht so herrlich sitzen, wie auf dir. Aber die Unzulänglichkeit ihrer Nachfolgerin tröstete Wanda nicht darüber hinweg, dass sie ihre Heimat verloren hatte und beim Abfall stehen musste.

„Du musst nicht hier stehenbleiben“, lachte der Gnomenhäuptling, tanzte um sie herum und wedelte mit seiner langfingrigen Hand. „Wem Beine gegeben sind, der wandere“, sang er.

Erstaunt stellte Wanda fest, dass sie nicht mehr stocksteif war, sondern wie ein Hund oder eine Katze laufen konnte. Was für ein herrliches Gefühl. Sie war frei, dahin zu gehen, wohin sie wollte!

Überschwänglich bedankte sie sich, doch der Gnomenzauberer wehrte den Dank ab und sprach zu ihr: „Du kannst in jeder Nacht wandern, in der der Mond leuchtet. Er verleiht dir in meinem Namen die Fähigkeit dazu. Und nun such dir einen schönen Platz, an dem du Menschen zu einer geruhsamen Pause einladen wirst.“

Glücklich lief sie los. Es war ein tolles Gefühl so beweglich und frei zu sein. Aber sie musste sich beeilen, einen guten Standort zu finden. Sie wurde auf ihrer Wanderung von einem schnürenden Fuchs angesprochen, der sie fragte, wohin sie unterwegs sei.

„Ich suche eine Stelle im Grünen an einem Weg, auf dem Menschen spazieren. Ich liebe es, wenn sie auf mir sitzen und sich entspannen.“

„Ich gehe den Zweibeinern aus dem Wege. Aber folge mir, du wirst etwas finden, da wo ich die Mäuse jage.“

Er bog auf eine schmale Straße ab, die direkt zum sogenannten Mauerweg führte. Links und rechts junger, wilder Wald, in dem sich die Wildschweine und Rehe versteckten, vorne Äcker, von hohen Bäumen gesäumt.

„Hier gehen tagsüber die Menschen spazieren, viele haben Hunde dabei“, sagte der Fuchs. „Wenn du willst, dass sie sich auf dir ausruhen, bleibe am Wegrand. Vielleicht an einer Stelle mit einem schönen Blick übers Feld.“

„Ich danke dir! So werde ich es machen!“ Im schnellen Trab rannte sie los und fand ein Plätzchen neben einem wilden Holunderbusch an einer Wegkreuzung. Der Mond ging unter und sie wurde steif.

Die Sonne ging auf, Vögel zwitscherten, der Holunder bewegte seine Zweige im Wind, an ihren Füßen spürte Wanda Gras und Ameisen. Fast wie daheim, dachte sie, nur ein wenig traurig, denn sie hatte etwas Wichtiges dazu gewonnen: Freiheit. Lange musste sie nicht warten, dann hörte sie Hundegebell und fröhliche Menschenstimmen. Drei Männer und zwei Frauen näherten sich, umspielt von sechs Hunden.

„Schaut mal, da steht eine Bank, oh sieht die bequem aus!“ Und schon saßen zwei der Männer auf ihr. Aber alle freuten sich über Wanda. Selbst die Hunde wollten hinauf. Sie war sehr glücklich. Der Tag fing gut an.

Die Leute rätselten, wie eine alte, aber stabile Gartenbank wohl an diese schöne Stelle geraten war. Sie glaubten natürlich, dass ihre früheren Besitzer sie auf diese Weise entsorgt hatten. Wie hätten sie gestaunt, hätten sie die Wahrheit gewusst!

In der Nacht suchte sich die Wanderbank einen neuen Standort am gleichen Feld. Das fiel den Hundebesitzern natürlich auf und sie fragten sich, wer sich die Mühe machte, die recht schwere Bank an einen anderen Platz zu rücken. So ging es noch ein paar Mal. Die Menschen gewöhnten sich daran, auf ihr eine Pause zu machen und nahmen hin, dass sie mal hier mal dort zu finden war.

Wanda bekam Fernweh und nutzte die nächste Vollmondnacht, um in den nahen Wald zu wandern. Die Gruppe vermisste sie schmerzlich und fragte sich, wer sie entfernt hatte. Noch tagelang redeten sie über ihre Bank, die ihnen fehlte.

Die Schriftstellerin unter ihnen sagte eines Tages, dass sie über die mysteriöse Plastikbank eine Geschichte schreiben sollte. Diese lest ihr gerade. Von einem der Männer bekam Wanda ihren Namen. Nein! Er ist kein Gnomenzaubermeister, er ist Bildhauer und hat auch eine Menge Phantasie.

Liebe Leser! Wenn ihr eines Tages auf eurem Spaziergang eine schäbige, aber stabile, ehemals weiße und bequeme Plastikgartenbank trefft, denkt daran, sie könnte Wanda heißen und eine Wanderbank sein!
Monika Schoppenhorst

Foto: Bernd Sterzl/pixelio.de

(1) Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Renate,

    ach, wie schön! Eine Wanderbank. Was für eine wundervoller Gedanke. Und in mehr von diesen sehe ich siehier von Ort zu Ort spazieren, nein – wandern. Wanda – die Oktober-Wanderbank. Ich weiß schon, wo ich morgen in der Oktobersonne sitzen werde. Eine wundervolle Kurzgeschichte. Und eine tolle Idee von dir.

    LG
    Petra

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