Ein sonderbarer Tag

Ich stehe am Bahnhof und warte auf den Bus. Das ist aber ungewöhnlich, denke ich. Ich schaue auf die Uhr. Merkwürdig. Ich höre eine Stimme. Eigenartig.

Ein Blaumann mit Kapuze und Gießkanne steht vor mir.

„Haben Sie den Bus gesehen“? frage ich.

„Droschken“, sagt er. „Hier halten Droschken.“

„Seit wann das denn“?

„Seit der Klimakatastrophe.“

„Seit was“?

„Mann Gottes, wo leben Sie denn. Sind Sie noch nicht registriert. Haben Sie noch keinen Blaumann beantragt“?

„Nein, ich weiß nichts von einem Blaumann. Was soll ich damit“?

„Und eine Gießkanne haben Sie auch nicht, wie ich sehe. Sie sind ein Bruder Leichtfuß, was“?

„Dann machen Sie doch das Nächstliegende; klären Sie mich auf.“ Es war schon ärgerlich, wie er mich von oben herab behandelte. Aber was er sagte, gab mir doch zu denken. Wieso hatte ich diese Katastrophe, von der er sprach, nicht mitbekommen.

„Das alles hier kommt von den Eruptionen auf der Sonne. Sie sind stärker aufgetreten als erwartet. Die Blaumänner schützen vor den Protonenschauer, und die Flüssigkeit in den Gießkannen deaktiviert die Magnetfeldböden, sonst könnte man sich kaum bewegen. Deswegen müssen die Schuhe regelmäßig gegossen werden.“

Er zeigte mir, wie das ging. Es war unangenehm, aber mit Sonneneruptionen ist halt nicht zu spaßen.

„So“, sagte er, „jetzt gehen wir dort hinten zu der Toreinfahrt, Sie bekommen meinen Blaumann und meine Gießkanne, dafür zahlen Sie die Hälfte von dem Betrag, den die städtische Verteilungsstelle nehmen würde. Dann haben Sie eine vernünftige Erstausstattung für die nächsten Monate. Die Gießkanne können Sie jederzeit kostenlos nachfüllen lassen, wenn Sie die Codierung angeben, die ich Ihnen hier an den Rand schreibe. Nein, das kostet Sie nichts, man ist ja kein Unmensch.“

Ich gab ihm das Geld, er schälte sich aus dem Blaumann und schrieb die Codierung an den Rand der Gießkanne. Wir trennten uns, und er klopfte mir zum Abschied auf die Schulter.

„Und nicht vergessen“, rief er mir nach, „registrieren lassen.“

Mit dem Gefühl, ein gutes Geschäft gemacht zu haben, verstaute ich meine Reisetasche in der Gepäckaufbewahrung und machte mich mit meiner neuen Ausrüstung auf den Weg zum Droschkenstand. Dort stand nur ein Leiterwagen. Ein älterer Mann lud Heu auf.

„Stehen hier die Droschken“, fragte ich.

„Sie meinen, die Busse“? Er schaute mich an, als käme ich vom Planeten K-Pax.

„Wie, es gibt noch Busse“?

„Ja sicher, aber nicht mehr lange. In zwei Jahren fährt hier die Bahn. Sehen Sie, da drüben werden schon die ersten Schienen verlegt.“ Er reichte mir die Hand, um mir auf den Wagen zu helfen. Von da aus konnte man die Schienenstränge deutlich erkennen.

„Trotz der Klimakatastrophe“?

„Nun, die werden wir beide wohl nicht mehr erleben“, beruhigte er mich. Er sah mich jetzt etwas genauer an, zupfte an meinem Blaumann, schüttelte den Kopf, stieg vom Wagen, nahm die Gießkanne vom Boden auf, betrachtete sie von allen Seiten und schüttelte abermals den Kopf.

„Ah, jetzt verstehe ich, warum Sie in diesem Aufzug hier rumlaufen, Sie sind dem Jogi begegnet. Die Plastikhülle nämlich, die Sie da anhaben, tragen meine Arbeiter bei der Spargelernte und die Gießkanne ist auch aus unseren Beständen. Ich kann das hier an der Codierung erkennen. PKZ 314, das ist Jogis Zimmernummer in der Psychiatrischen Klinik. Völlig harmlos der Kerl und immer so spaßig.“

Na, ich weiß nicht …
Friedrich Malinowski

Foto: Sommaruga Fabio/pixelio.de

(2) Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Miriam,

    schmunzeln kann nur ein Anfang sein. Wenn meine Geschichten Dir später einmal ein Lächeln ins Gesicht zaubern, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
    Tschüss, habe mich sehr gefreut.
    Malinowski

    Antworten

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