Drei Münzen im Brunnen

Sie stand mit dem Rücken zum Brunnen und wartete. Als nichts geschah, warf sie eine zweite Münze. Unruhig schritt sie auf und ab. Was sollte das denn werden, fragte ich mich. Nach einer Weile ging ich auf sie zu.

„Welche Kategorie haben Sie denn gewählt?“, fragte ich sie.

„Was meinen Sie?“

Der Blick, mit dem sie mich ansah signalisierte: ein falsches Wort und du lernst mich mal kennen, Krümel.

„Ich meine für welche Kategorie Sie sich entschieden haben.“

„Was denn für Kategorien, wovon reden Sie. Was wollen Sie eigentlich?“

„Ja, kennen Sie denn die Regeln nicht?“

„Heh?“

Sie machte Anstalten, mir gegen das Schienbein zu treten. Frauen entwickeln in solchen Situationen ein diffuses Abwehrverhalten. Wenn Frauen etwas nicht verstehen wollen, darf man nicht mit Logik kommen. Auf Logik reagieren sie nicht, weil sie eine eigene haben. Männer hingegen finden die Logik der Frauen schlicht unrentabel. Lässt man sich darauf ein, kann man nichts gewinnen, man verringert nur die Distanz zum Chaos.

Ich reduzierte mich auf Fakten.

„Also, wenn sie eine Münze mit der Zahl nach oben über die rechte Schulter werfen, haben Sie automatisch die 1. Kategorie gewählt. Es ist die Kategorie mit der längsten Erfüll-Dauer, denn sie bringt Macht, Reichtum und Ansehen. Naturgemäß wollen das die meisten und das dauert eben. Wenn Sie aber lieber auf Vernunft, Weisheit und Klugheit setzen, was auch gerne genommen wird, dann werfen Sie die Münze mit der Zahl nach unten über die linke Schulter.“

„Sie sehen aber nicht so aus als ob Sie in diesen beiden Kategorien schon Erfolg gehabt hätten“, giftete sie mich an.

Diese Frau ist nicht kompatibel, dachte ich und wollte schon aufgeben. Einen Versuch wagte ich noch.

„Es gibt allerdings noch eine dritte Kategorie. Nur muss ich Ihnen leider sagen, sie wird nicht sehr häufig frequentiert. Bisher ist kein Fall bekannt geworden, obwohl die Umsetzung augenblicklich erfolgt.“

„Ist das der Köder an der Angel?“, spottete sie. „Na, dann öffnen Sie mal Ihre Trickkiste.”

Ich trat vorsichtshalber einen Schritt zurück und zählte auf: „Demut, Bescheidenheit, Fleiß und Geduld!“

Alles hatte ich erwartet, aber ihr Lachanfall kam überraschend.

„Demut?“, prustete sie los, „Bescheidenheit? Mann, Sie haben aber Nerven. Und mit der Geduld ist es jetzt auch vorbei.“

Sie warf noch eine letzte Münze, nickte mir kurz zu und verschwand in Richtung Benediktiner Kloster.

Dann hörte ich nur noch ein lautes Quietschen und einen Aufschrei. Um Haaresbreite wäre sie von einem Laster überrollt worden.

Mein Gott, dachte ich, was hat die sich bloß gewünscht. Die Kategorie kennst du ja noch gar nicht.
Friedrich Malinowski

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