Die wilde Jagd

Nun sind sie schon in einem kleinen Rinnsal der Zeit vorübergeflossen, die Rauhnächte – jene Tage zwischen dem 24. Dezember und 6. Januar des folgenden Jahres, einer Zeit voller Geheimnisse. Lt. den Sagen aus uralten Zeiten zieht in diesen Nächten die „Wilde Jagd“ durch die Lande, angeführt von Odin und seiner Göttergemahlin Frigg, der wolkenspinnenden Hulda oder Holden, landläufig noch besser bekannt als die Märchenfigur Frau Holle. Dieser alte Mythos schlägt sich noch immer in den Verboten für die 12 heiligen Nächte nieder, u.a. soll Verliehenes wieder zurückgebracht, alles gebacken und die Wäsche gewaschen bzw. nicht mehr aufgehängt sein. Es gab auch ein Spinnverbot mit der Unterstellung, dass nur Hexen in dieser Zeit spinnen würden. Alle Gebote und Verbote dienten nur zum Wohle der Menschen; denn ihre Befolgung sollte sich günstig auf das kommende Jahr auswirken. In unserer modernen Zeit mit ihren Waschmaschinen und Wäschetrocknern scheint sich dieses Brauchtum zu erübrigen, wenngleich sich an den Usus, in dieser Zeit keine Wäsche zu waschen, noch meine Großmutter und meine Mutter hielten. Wen würde aber eine „Wilde Jagd“ erschrecken? Keiner hat sie je gesehen in unserer aufgeklärten Zeit, Götter, Feen und Dämonen scheinen ihrer angestammten Wohnsitze beraubt…

Und doch, es geschah vor wenigen Jahren in einer dieser schneelosen Winter um die Zeit der Jahreswende. Wie immer an den Feiertagen wanderten wir – der Beste aller Ehemänner und ich – durch die Wälder, durch die Auen und erreichten einen buschwerkfreien Hochwald mit hohen Kiefern und alten Tannen, daneben mächtigen blattlosen Laubbäumen, weit ab von Autostraßen oder gar Schienenstrecken einer Bahn. Wie verwunderlich daher dieses lärmende Geräusch von weit her, wie das Trappeln von Hufen und lautes Rufen in einem Gewirr einer Vielzahl von Stimmen, und es schwoll an, näherte sich unangenehm – wohin ausweichen, wenn man nicht erkennen konnte, welche Reiterschar sich aus welcher Richtung nähert!? Der Lärm umschloss uns plötzlich, verbreitete sich über uns und um uns, verbunden mit einem schrecklichen Klirren von Ketten und dem Dröhnen eiserner Räder … aber nichts und niemand war zu sehen, noch nicht einmal ein Schatten in der Wintersonne, die durch die kahlen Äste rieselte. Wie graute es uns, noch jetzt bildet sich die berühmte Gänsehaut in der Rückschau auf den Armen.
War dies die „Wilde Jagd“? Am hellen Tag und im Sonnenlicht? Wer weiß …

Elke Gelzleichter

Abbildung: John Charles Dollman

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