Die Männer anderer Frauen

Ich mag Männer. Mein Interesse für sie begann, als ich ungefähr dreizehn war. Durch unser kleines Dorf marschierten regelmäßig französische Besatzungs-Soldaten, auf dem Weg von ihrer Kaserne zum Truppenübungsplatz, einem idyllischen Areal, einer großen, mit vielen Kirschbäumen bewachsenen Wiese, ein paar Kilometer hinter unserem Dorf gelegen. Jedes Mal, wenn die Truppe sich über die damals Straße bewegte, hingen meine Freundin Anna und ich am Fenster, schrieen „Boschur Müsjöh“ und kicherten albern. Es waren einige hübsche Kerle dabei, und mein verschämt verstecktes Begehren vermittelte mir die Ahnung, dass das harmlose Mädchendasein, trotz Mangel an weiblichen Attributen, wohl seinem Ende entgegen ging.

Meinen ersten Kuss tauschte ich dann mit fünfzehn. Mit einem unerfahrenen Knaben auf einer Parkbank. Der Versuch einer Entjungferung folge einige Monate später, scheiterte aber kläglich aufgrund mangelnder Anatomie-Kenntnisse der Protagonisten. Doch mit siebzehn war es endlich soweit. Die Aktion als solche erlebte ich zwar als ziemlich enttäuschend und unromantisch, dennoch war sie der Zündfunke für ein Liebesleben, was ich damals – im gerade angebrochenen Zeitalter der Pille – unbeschwert ausgekostet habe. Denn obwohl meine weiblichen Attribute immer noch nicht besonders ausgeprägt waren, interessierte das männliche Geschlecht sich für mich, was vermutlich an der Mischung von gut geformten Beinen, kurzen Röcken und geschliffenem Mundwerk lag. Die Galane liebten nicht nur die Liebe mit mir, sondern auch die Wortgefechte. Und ich liebte sie auch. Allerdings fanden nicht nur Singles (die damals noch „Junggesellen“ hießen) an mir Gefallen, sondern auch die Freunde und Ehegatten anderer Frauen. Das schmeichelte mir! Ja, ich gebe es ganz offen zu. Und leider muss ich auch zugeben, dass ich hin und wieder etwas tat, was ich im Grunde als verwerflich ansehe – ich gab den Verführungskünsten einiger dieser Männer nach. Wenn ich heute daran denke, kann ich nur den Kopf schütteln, aber damals haben diese ehebrecherischen Aktivitäten kein schlechtes Gewissen in mir ausgelöst, offen gestanden hab ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht. Das ist wohl ein Vorrecht der Jugend, sich über dies und jenes keine Gedanken zu machen. Und möglicherweise ist es auch gut so.

So war das damals, als ich noch jung, knusprig und unerfahren war. Und im Laufe der Zeit hat sich meine Einstellung zu Männern grundlegend zwar nicht geändert, denn ich mag sie immer noch. Aber bis mir mal einer wirklich gefällt, da muss schon viel passieren beziehungsweise muss so ein Mann Attribute aufweisen, die nicht allzu oft zu finden sind. Es ist diese spezielle Mixtur aus Verstand, Humor und Gefühl. Das Aussehen spielt dabei gar keine große Rolle. Obwohl es mir selbstredend mehr Spaß macht, in ein attraktives Gesicht zu schauen als in das eines Quasi Modo, war Schönheit mir noch nie besonders wichtig – auch wenn rückblickend betrachtet, die meisten meiner Männer gut aussahen. Bei der Auswahl hatte das grundsätzlich aber keine wesentliche Rolle gespielt, denn es waren auch einige dabei, bei denen die abschätzigen Blicke meiner Freundinnen keine Fragen offen ließen – was mir aber gleichgültig war. Auch heutzutage habe ich hin und wieder einen Verehrer. Zeitweise sogar mehrere. Zurzeit sind es genau drei. Prima Männer, Ausnahme-Exemplare. Könnten mir gefallen. Wirklich. Ja, ich könnte mir vorstellen, mit dem einen oder anderen eine Beziehung einzugehen – es zumindest mal zu versuchen. Aber diese Männer haben einen gravierenden Nachteil – sie sind verheiratet. Und nun kommt der große und wesentliche Unterschied zu früher ins Spiel. Ich kann sie mit Wohlgefallen wahrnehmen. Mit ihnen reden, mit ihnen Emails wechseln, mit ihnen hin und wieder zum Essen gehen und über Gott und die Welt plaudern. Doch mehr findet nicht statt. Auch dann nicht, wenn das eine oder andere Angebot unmissverständlich im Raum steht.

Im Gegensatz zu früher muss ich heute nicht mehr alles haben wollen, es besitzen wollen. Ich kann auch Freude an „Dingen“ haben, die mir nicht gehören. Das ist so ähnlich wie mit der Blume am Wegesrand. Ich muss sie nicht mehr pflücken, mit nach Hause nehmen und in eine Vase stecken. Ich kann sie mit Vergnügen betrachten, mich an ihrem Duft erfreuen – dann weitergehen und sie dem Spiel des Windes überlassen. Das ist gut für die Blume und auch gut für mich.
Helene Hanisch

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