Der kleine Spatz

Es war einmal ein kleiner Spatz. Grau, rund und kugelig. Und wie alle Spatzen war er auch ziemlich kess, eigentlich kann man es schon frech nennen. Er tschilpte den ganzen Tag vor sich hin, war immer an der vordersten Front, wenn es irgendwo was zu futtern gab, und eigentlich konnte man annehmen, es handele sich um einen ganz normalen, kleinen Spatz. Nur wenn man ganz genau hinschaute, konnte man sehen, dass seine Augen ein wenig anders leuchteten als die seiner Artgenossen. Aber wie gesagt, man musste schon ganz genau hinschauen.

Der kleine Spatz lebte mit seiner Familie viele Jahre in ein kleines Dorf, bis es ihm eines Tages zu langweilig wurde und er beschloss, sich den Wind der fremden Welt durch das Gefieder blasen zu lassen.
Er machte sich auf die Reise, und landete nach vielen turbulenten Jahren schließlich in einer fremden Großstadt. Dort fand er ein bequemes Nest, in dem er es sich so richtig gemütlich machte. Ab und zu machte er kleine Ausflüge in die nähere Umgebung, denn er hatte immer ein wenig Sehnsucht nach dem Landleben. Bei einem dieser Ausflüge aufs Land begegnete ihm eines Tages ganz unerwartet ein kleiner Junge.

Der Junge hatte blaue Augen, blonde Borstenhaare und trug eine Brille, und als der Spatz ihn sah, traf es ihn wie einen Donnerschlag. Mitten im Flug stoppt er und schwebte schwerelos auf der Stelle. Dieser kleine Junge berührte etwas in seinem Spatzenherz, was er noch nicht kannte. Es war so ein komisches Gefühl der Vertrautheit, und das, obwohl er diesen kleinen Jungen noch nie in seinem Leben gesehen hatte.
Aufgeregt flatterte der Spatz hin und her, der Junge hingen tat ganz gelassen, ungefähr so, als hätte er täglich mindestens eine Begegnung mit einem Spatzen.

Dann machten sie ein wenig Small Talk, und der Spatz bemerkte, dass der Junge auch ein wenig aufgeregt war, es aber nie zugeben würde. Sie plauderten über dies und das, über die merkwürdigsten Unwichtigkeiten des Lebens, dann spielten sie ein bisschen miteinander, und beide merkten bald, dass sie sich mochten, und das, obwohl sie doch erheblich unterschiedlich waren.

Sie trafen sich regelmäßig, plauderten und spielten miteinander, und eigentlich war alles ganz schön. Aber der Spatz merkte, dass irgendwas nicht so ganz stimmte. Der Junge war manchmal so unausgeglichen, wirkte irgendwie unzufrieden, und wenn der Spatz wissen wollte, was los sei, reagierte der Junge ziemlich ungehalten. Aber eines Tages rückte er mit der Sprache heraus.

“Weiß Du, ich muss Dir sagen, dass Du nicht der einzige Vogel bist, mit dem ich spiele. Da gibt’s noch ein paar andere. Eine Nachtigal, ein Rotkehlchen und eine Taube. Und das Dumme ist, dass ich mich nicht entscheiden kann, und eigentlich auch nicht will. Am liebsten wäre mir ein Nachtkehlchentaubspatz. Aber so einen Vogel gibt’s ja leider nicht.”

Der Spatz hörte aufmerksam zu und durch sein kleines Herz zog ein trauriges Gefühl.

“Tja”, sagte der Spatz, “das ist wirklich ein Problem. Auch für mich, denn ich spiele wirklich unheimlich gern mit Dir. Und ich muss ganz offen zugeben, dass ich Dich mit diesen anderen Vögeln nicht teilen will. Aber schau mal…” Der Spatz plusterte sich auf und stolzierte graziös vor dem Jungen hin und her. ” Wenn Du so ganz genau hinschaust, musst Du doch zugeben, dass ich im Grunde auch etwas von einer Nachtigal habe.

Und ist hier an meinem Hals nicht so eine rote Stelle? Und gurren kann ich auch ein bisschen.“ Der Spatz piepste demonstrativ. „Also, was meinst Du?”

“Du bist und bleibst ein Spatz, und das wird auch immer so bleiben”, antwortete der Junge verärgert. “Ich will aber einen Nachtkehlchentaubspatz. Jawoll! ”

Der Spatz war traurig. Sein Selbstbewusstsein war ohnehin nicht gerade das Beste, da konnte er tschilpen so viel er wollte. Er schindete damit zwar meistens viel Eindruck, aber tief im Inneren war ein kleiner, verunsicherter Spatz. Vor allem, wenn er sich so verglich mit all den schönen Vögeln, die so überall herumflogen. Er war einfach klein und grau, mit einem durch die Jahre leicht zerzausten Gefieder. Das einzige, worauf er stolz war, das war sein kleines kluges Köpfchen. Und er hatte noch nie jemandem etwas zu leide getan, bis auf ein paar unwesentliche Kleinigkeiten natürlich. Außerdem war er sehr ehrlich, auch sich selbst gegenüber. Mehr hatte er schlichtweg nicht zu bieten. Und genau das machte ihn traurig, denn er hatte den kleinen Jungen so gern, und wollte bei ihm bleiben.

Nach langem Hin und Her entschied sich der Junge schließlich für das Rotkehlchen. Allerdings traute er sich nicht, dem Spatzen diese Entscheidung mitzuteilen, sondern spielte fleißig weiter mit ihm. Ja, er ging sogar soweit, dass er mit ihm ein paar Tage Urlaub machte. In Italien.

Wieder zu Hause, fand der Spatz heraus, dass das Rotkehlchen in die Hütte des Jungen eingezogen war. Das zerbrach ihm fast das Herz, aber nicht ganz. Und da Spatzen ab und zu auch konsequent sein können, sagte er dem Jungen:

“Weiß Du, ich hab Dich wirklich sehr lieb. Aber solche Spielchen mag ich nicht. Die sind einfach nicht gut für mich. Kümmere Du Dich um das Rotkehlchen, und ich kümmere mich um mich. Lass es Dir gut gehen”, und traurig flatterte er davon.

Irgendwie war das Jungen auch nicht so recht, aber er hatte sich nun mal für das Rotkehlchen entschieden. Damit musste er jetzt erstmal leben.

Allerdings dauerte es nicht lange, da merkte er, dass das Rotkehlchen doch nicht so das Richtige war. Es war zwar lieb und nett, das Spielen mit ihm wurde immer langweiliger, und er begann, sich nach dem kleinen Spatz zu sehnen. Der war anstrengend und auch nicht mehr der jüngste, aber trotzdem…

Deshalb gab der Junge sich Tages einen Ruck, ging zu dem Spatzennest und sagte: “Ich weiß jetzt, dass Du mir sehr viel bedeutest, und ich möchte nicht ohne Dich sein. Mit Dir zu spielen ist zwar kolossal anstrengend und manchmal auch lästig, aber ich mag Dich.”

Der kleine Spatz freute sich mächtig und flatterte dauernd zwischen seinem Nest und der Hütte des kleinen Jungen und her. Solang, bis die beiden beschlossen, es sei doch besser, der Spatz würde in der Hütte des Jungen wohnen. Schließlich sei da genug Platz, und sie würden eh die meiste Zeit miteinander verbringen.

Gesagt, getan. Der Spatz zog aufs Land, in die Hütte des Jungen. Das war am Anfang sehr schön und auch sehr anstrengend. Der Spatz liebte den Jungen, hatte aber umgekehrt das Gefühl, dass der Junge immer nur dann zufrieden und glücklich war, wenn er – der Spatz – genau das tat, was der Junge wollte. Und so fingen die Diskussionen an. Der Spatz stellte Fragen, der Junge war verärgert.

“Stell nicht immer so blöde Fragen. Und überhaupt, Du fragst grundsätzlich zu viel. Flieg lieber mehr in der Gegend herum und entspann Dich. Nimm Dir ein Beispiel an mir. Mach es so wie ich, dann es geht es Dir gut.”

Der Spatz versuchte, dem Jungen zu erklären, dass ein Spatz nun mal anders strukturiert sei. Das interessierte den Jungen aber nicht. Er meinte, alle müssten alles genauso machen, wie er es auch tat. Dass das nicht geht, wollte er nicht begreifen, und er mäkelte ständig an dem Spatzen herum. Der Spatz verteidigte sich permanent und pochte auf sein Spatzenrecht, hatte dabei aber ziemlich schlechte Karten. Der Junge war ihm rhetorisch haushoch überlegen.

Der kleine graue Spatz resignierte immer mehr und beschloss nach einiger Zeit der fruchtlosen Diskussionen, die Hütte des Jungen zu verlassen um sich wieder ein eigenes Nest zu suchen. Er wollte sich und dem Jungen Zeit geben, darüber nachzudenken und in sich hineinzuhorchen. Denn der Spatz liebte den Jungen nach wie vor.

Der Junge aber war beleidigt und ging auf die Suche nach der Taube. Weit entfernt sah er sie auf einem Dach sitzen und dachte: “Das wär’s. Die Taube, die ist es. Dachte ich mir doch immer schon. Weiß der Teufel, warum ich mich ausgerechnet für diesen unsäglich anstrengenden Spatz entschieden habe. Gott sei Dank ist dieser komische Vogel endlich ausgeflogen. Jetzt hab ich endlich meine Ruhe und kann mich auf Taubenjagd machen.”

Der Spatz saß derweil ein wenig traurig in seinem Nest und machte sich wieder viele Gedanken. Er war nun mal ein nachdenkliches Wesen.

Ab und zu allerdings machte er kleine Ausflüge, und dabei traf er einen anderen Jungen. Dieser schaute ihn an und sagte: “Oh, was für ein schöner großer Vogel.”

Der Spatz schaute sich verwundert um, konnte aber nirgendwo einen schönen großen Vogel entdecken.

Der Junge sagte wieder “Toll, so ein schöner großer Vogel” und schaute dem kleinen Spatz in die Augen.

“Der meint mich”, dachte der Spatz, “das kann doch wohl nicht wahr sein.“

Aber es war tatsächlich wahr. Dieser fremde Junge war durch nichts von seiner Meinung abzubringen. Für ihn war der kleine graue Spatz ein schöner großer Vogel. Und der Spatz erinnerte sich, dass irgendwann vor langer Zeit jemand zu ihm gesagte hatte, “es kommt immer darauf an, mit welchen Augen Du etwas anschaust. Du entscheidest, ob etwas schön für Dich ist oder nicht.” Und er verstand plötzlich, warum der fremde Junge ihn so schön fand.

Der Junge sagte zu dem Spatzen: “Komm spiel mit mir. So einen schönen Vogel wie Dich habe ich mir schon immer gewünscht.” Und zum Beweis schleppte er kleine Geschenkchen in das Spatzennest.

Die Geschenkchen fielen dem anderen kleinen Jungen auf und er dachte, “Mist, da will mir jemand mein Spielzeug wegnehmen. Das passt mir aber gar nicht in den Kram. Schließlich habe ich die Taube noch nicht. Und so ganz alleine rumzuhängen, dazu habe ich keine Lust.”

Ganz überrascht stellte er fest, dass er sogar eifersüchtig war und deswegen schmiss er sich mächtig ins Zeug. Bombardierte den Spatz entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit mit Fragen und insistierte solange, bis der kleine Spatz endlich zugab, dass es zwar schon schön sei, von diesem fremden Jungen so toll gefunden zu werden, dass sein Herz aber an ihm, dem kleinen Jungen hänge.

“Weiß Du, ich habe nachgedacht”, sagte der Spatz zu dem kleinen Jungen.”

“Du machst ja nichts anderes”, grinste der Junge ironisch „Leider…“

“Na ja, zugegeben, stimmt. Aber trotzdem …. ich habe also nachgedacht die letzten fünf Monate, so einsam in meinem Spatzennest. Und ich weiß jetzt, dass ich Dich liebe und mit Dir zusammenleben möchte.” So, jetzt war’s raus. Es war nicht so einfach über seine Lippen gekommen. “Was hältst Du davon”, fragte er – ziemlich verunsichert – den kleinen Jungen.

“Du hast wohl einen Vogel”, sagte der und tippte sich an die Stirn, “wie kommst Du denn diese Schnapsidee? Du scheinst in den fünf Monaten nichts dazugelernt zu haben.”

Der kleine Spatz sank in sich zusammen. Mist, dachte er, hätte ich doch meinen Schnabel gehalten.

Der kleine Junge hatte wieder Oberwasser. Generös sagte er: “Ehrlich gesagt, bist Du zur Zeit der wichtigste Vogel in meinem Leben. Aber dann kann sich ändern. Und ich habe Dir ja auch nicht verheimlicht, dass ich ganz offen bin für diese Taube da oben auf dem Dach. Wann die endlich runterkommt, weiß ich nicht. Aber, wenn sie kommt, dann bist Du weg vom Fenster. Das ist doch klar, oder etwa nicht?“

Für kurze Zeit war der kleine Spatz ein wenig fassungslos, doch dann schüttelte er sein Gefieder.

“Jetzt liegt‘s an mir”, piepste er leise und breitete seine Flügel aus.

“Viel Glück mit der Taube”, rief er dem kleinen Jungen zu und flog dem wolkenlosen Himmel entgegen. Vorbei an der Taube, die immer noch auf dem Dachgiebel saß und ihm nachschaute.

Marianne Fröhlich

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