Das Dorf

Soweit mein Erinnerungsvermögen zurückreicht – und ich darf nicht ohne Stolz behaupten, dieses reicht beinahe bis an den Tag meiner Geburt, wenn nicht gar noch erheblich weiter, manchmal bis ins Reich der Finsternis und weit darüber hinaus und zurück, war das Dorf, in dem wir lebten, etwas Besonderes.

Eigentlich konnte ich nie so recht verstehen, warum dieses Zentrum an Signifikanz als Dorf bezeichnet wurde. Fünf ausgewachsene Gasthäuser, zwei (!) Gemischtwarenhandlungen, davon eine mit einer fast dreihundert Meter entfernt liegenden Filiale samt angeschlossener Kohlenhandlung, eine Tischlerei, ein Großsägewerk, ein Schuster, ein Schmiedemeister, eine Tabak-Trafik, weiterhin ein Postamt, ein Gendarmerieposten und an die hundert Häuser. Erwähnenswert ist weiteres ein riesiger Bahnhof samt Kopfbahnhof der Lokalbahn, die ihren Schienenstrang bis an das Ende des sogenannten Ohrwaschelgrabens vorgetrieben hatte. In diesem sollen vor dem Krieg sogar Schnellzüge angehalten haben. Ein beinahe unübersehbarer Stausee samt Wehr und breitem Schilfgürtel rundeten das Bild ab. Dies alles verdiente nicht mehr als die Bezeichnung Dorf? Noch nicht erwähnt habe ich die Fleischhauerei, zwei Mal wöchentlich vormittags geöffnet, und einen Friseurladen, immerhin einmal wöchentlich geöffnet, wenn auch nur nachmittags. All das ergab doch ein kompaktes Stadtbild, das sogar von einer Volksschule, der ich die Ehre erwiesen habe sie zu besuchen, weiß der Chronist zu berichten.

Außerdem habe ich bei dieser Aufzählung noch nicht einmal die absolute Attraktion, die größte und schönste Felsklamm des Landes beschrieben. Diese trieb in den warmen Monaten eine kaum überschaubare Menge von schaulustigen, gehfreudigen Wanderern in unser Dorf, darunter eine beträchtliche Anzahl an besonderen Käuzen und honorigen Personen, von denen in der Folge (Anmerkung der Redaktion: in anderen Geschichten, die hier vielleicht noch veröffentlicht werden) noch viel zu hören (lesen) sein wird.

In diesem beschaulichen Örtchen mit Namen Mixnitz verbrachte ich meine Kindheit und erlebte all die Aufregungen und relevanten Dinge, die heute, in der hektischen Zeit der Handys, AKWs und PCs, geradezu zur überflüssigen Nebensächlichkeit degradiert werden.

Schade um die gute alte Zeit!

Leider hat mich ein Besuch nach der Jahrtausendwende in der Tat deprimiert … nicht nur Mensch und Tier sind endlich – bedauerlicher weise auch ein Dorf.

Das Herz hat uns Buben „gepumpert“, wenn wir des Gendarmen ansichtig wurden – sogar dann, wenn wir nichts „ausgefressen“ hatten, was selten genug der Fall war. Doch der Anblick einer Respektsperson reichte für einen erhöhten Pulsschlag.

Andererseits waren wir ohne groß zu fragen in jedes Haus gegangen, und unsere Augen schweiften dort gierig bis in das kleinste, und verborgenste „Ladl“ hinein, auf der Suche nach etwas zum Naschen – und stets wurde unser Verlangen gestillt.

Gespielt wurde in den Wäldern und am Flussufer. Ja, das Leben war billig, und wir Buben glücklich, solange wir die Sonntagshose nicht tragen mussten. Wer mit der „Sundimommitohosen = Sonntangsnachmittagshose“ herumlief, der konnte sich des aufrichtigen Mitleids seiner Kumpane sicher sein. Ein paar Ohrfeigen – gut, das steckte man weg, aber gezwungenermaßen im Sonntagsstaat herumzulaufen, das war gewissermaßen die „Höchststrafe“.
Urban Seraphin Eisenstein alias Friedrich Strassegger aus „Mein Freund Putzbaum und andere Satiren“

Foto: Rudolf W. Dellmour

(1) Kommentar Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar zu leopold Antworten abbrechen

Pflichtfelder sind mit * markiert.