… da helfen keine Pillen

“Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen.” Das war eine der schlimmsten Beleidigungen in den sechziger Jahren bei uns auf dem Gymnasium. Wenn sich jemand mit dem Zeigefinger an die Stirn tippte und „d b d d h k P“ sagte, wurde man rot vor Scham oder Wut. Aufs Gymnasium gingen die Schlauen, Streber und Besserwisser. Die älteren Lehrer hatten ihre Vorkriegssozialisation noch nicht abgelegt, es wurde noch mit Schlüsselbunden durch die Klasse gefeuert oder Schüler beleidigt mit „du bist wohl mit dem Klammerbeutel gepudert worden“, das war für uns Schüler nichts Ungewöhnliches. Nur doof sein wollte niemand, doof sein war das Schlimmste, doof waren nur die anderen, im Zweifelsfall die Volksschüler. Die benutzten diese besserwisserische Art von Abkürzungen nicht, sondern redeten Klartext wie „verpiss Dich, Du Arsch“, „Du alte Schreckschraube“, „Du bist doch bescheuert“ oder „Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank“.

Ich war eine von den Schlauen, die geschickt zu verbergen wussten, dass sie eigentlich zu den Strebern gehörten. Ich ließ die Erwachsenen und Mitschüler gerne glauben, dass ich „begabt“ sei und mir „alles zufällt“. Niemand interessierte, dass ich bis zur 10. Klasse jeden Nachmittag ohne Aufforderung mindestens 2-3 Stunden Schularbeiten machte, Vokabeln paukte und den Stoff des Tages akribisch nacharbeitete. Und ich machte kein großes Aufhebens davon, dass Mathe für mich eine große Herausforderung blieb und ich nur eine 3 im Zeugnis bekommen konnte, wenn ich fast täglich eine Mitschülerin, unser Mathe-Ass, anrief oder besuchte, weil ich es einfach noch nicht kapiert hatte. D b d d h k P war das Damoklesschwert, was immer über mir schwebte, etwas Schlimmeres konnte ich mir nicht vorstellen.

Für gute Noten gab mir meine Mutter ein echtes Lächeln, die einzige Möglichkeit ihr Freude und Stolz ins Gesicht zu zaubern. Sie konnte mit mir angeben vor ihren Freundinnen und Cousinen, denen es allen vermeintlich besser ging als ihr. Die hatten einen Mann, der für sie sorgte, einen Bauernhof oder ein Geschäft. Sie alle durften Hausfrau sein und „mussten nicht arbeiten“. Ein Traum, der für meine Mutter nicht mehr wahr wurde seit ihrer Scheidung von meinem Vater.

Meine Mutter war nach der Scheidung mit uns Kindern zurück zu ihren Eltern gegangen, zuerst auf den Bauernhof, auf dem sie geboren war und wo inzwischen die Schwägerin das Regiment übernommen hatte, wenig später in das Altenteilhaus meiner Großeltern. Ihre Seele war schwer gekränkt, vorbei das Leben als höhere Tochter eines reichen Bauern, ohne Aussicht auf eine Anstellung als Büroangestellte, obwohl sie einen Schreibmaschinenkurs absolviert und monatelang verbissen Tippen geübt hatte. Sie musste die einzigen verfügbaren Jobs in einer ländlichen Kleinstadt annehmen, Kassiererin in einem Supermarkt und Verkäuferin in einem Billigwarenladen. Später nahm sie eine Stelle als Arzthelferin bei einem cholerischen HNO Arzt an, mit dem es niemand sonst aushielt. Irgendwie schaffte sie die Arbeit mit ihrem schwierigen Chef, schließlich war ihr Vater auch ein Choleriker gewesen. Sie hielt die Klappe, ordnete sich unter und war ein paar Jahre lang ziemlich stolz auf ihre Arbeit. Ihre Anpassung hatte ihren Preis, sie wurde immer kränker und verzweifelter, weil ihre zunehmende Schwäche nicht mit ihrem ehrgeizigen Leistungswillen vereinbar war. Als ich 11 Jahre alt war, wurde sie am Herzen operiert, damals eine lebensgefährliche Operation, die sie jedoch überlebte. Sie erholte sich aber nie mehr richtig davon, auch wenn organisch danach alles in Ordnung war.

Wir Kinder waren ihr ganzer Stolz, gut in der Ausbildung, hübsch anzusehen und unkompliziert zu erziehen. Mein Bruder und ich waren Selbstgänger, entlasteten sie schon sehr früh bei ihren diversen Gesundheitsproblemen, widersprachen selten oder nie und machten keine Probleme, die behielten wir für uns. Gesprochen wurde nie wirklich miteinander, nur viel erzählt. Nach außen hin war alles in bester Ordnung.

Mit 13 wurde ich krank, seltsames Herzrasen, Heulanfälle und eine beginnende Magersucht machten Familie und Hausarzt ratlos. Der Hausarzt verordnete 10 x Höhensonne und eine sechswöchige Kinderkur an der Nordsee, bei der die Kinder zum Essen gezwungen wurden. Mir tat der Ortswechsel gut, weil ich zum ersten Mal im Leben von meiner Mutter getrennt war und aufregende Erlebnisse mit gleichaltrigen Freundinnen teilte. Es wurde viel Quatsch gemacht und gelacht, es war ein Abenteuer, die strengen Regeln zu durchbrechen und heimlich Briefe nach Hause zu schmuggeln. Eine liebenswürdige Sozialpädagogin, die wunderschön singen und Gitarre spielen konnte, klärte mich auf, wie man körperlich eine Frau wird und von den Freundinnen lernte ich, wie richtiges Küssen funktioniert. Schließlich gewann ich noch einen Standburgenwettbewerb mit einer Seehundsbank aus Sand, Steinen und Algen, worauf ich sehr stolz war.

Das Leben ging weiter, ich hielt meinen hohen Standard in der Schule bis zur 10. Klasse, dann wurde ich faul und fing an aufzuschieben. Morgendliche Hausaufgaben im Schnellverfahren oder Abschreiben kurz vor Stundenbeginn wurden zur Regel. Es fiel nicht weiter auf, weil mein jahrelanges Pauken eine gute Grundlage war, ich überlebte mit Improvisation, Schummeleien und Durcharbeiten in den Nächten vor Klassenarbeiten oder Prüfungen. Bei den Lehrern konnte ich mir einiges erlauben, mein Ruf als sehr gute Schülerin war schwer zu erschüttern. Als ich meine allererste 5 bekam, hatte ich einen Heulkrampf mitten im Unterricht. Ich begann wieder ein Minimum an Hausaufgaben zu erledigen.

Mit 17 hatten fast alle meine Schulfreundinnen schon ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit Jungs gemacht (behaupteten sie zumindest) oder hatten schon einen Freund, nur ich nicht. Die tollen Jungs aus den höheren Klassen interessierten sich nicht für die magere, spröde Schlaumeierin aus der 12. Klasse. Ich verliebte mich ausgerechnet in einen intellektuellen Angeber aus der 13. Klasse, der meine Liebe aber nicht erwiderte. Als wir uns eines Tages in der Schulbibliothek trafen und er mich ärgerte, als ich in der Hocke nach einem Buch im unteren Regal suchte, und er mir leicht seine Knie in meinen Rücken drückte und eine Bemerkung über meine dumme Sprachlosigkeit machte, drehte ich mich um und knallte ihm eine ins Gesicht. Da war es wieder, dieses Gefühl: Debededehakape.

Im letzten Schuljahr überschlugen sich die Ereignisse, ich hatte das Vorabitur bestanden, wurde zu Parties eingeladen und feierte die Nächte am Wochenende durch. Ich hatte meinen ersten Freund, machte den Führerschein und durfte mit dem alten VW meiner Mutter fahren. Eine Woche vor dem Abitur fing ich an zu lernen, bestand irgendwie die schriftlichen Prüfungen mit guten Noten und eine mündliche Prüfung in Mathe besser, als ich mir zugetraut hatte. Einige Tage lang schwebte ich über den Wolken, ein Gefühl von Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten überflutete mich, das richtige Leben sollte endlich beginnen. Im Studium kam es dann später wieder, dieses Gefühl der Unzulänglichkeit, und begleitete mich bis zum Staatsexamen. Ich bin es bis heute nie ganz los geworden.

Paula

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