Amour fou

„Balthi“, nuschelte die Mama. „Balthi, das Leben ist kein Honigschlecken, auch wenn’s manchmal so aussieht.“

Balthasar kümmerte das wenig. Er stieß sich mit den Hinterbeinen vom Glasrand ab und flog in einer sanften S-Kurve direkt hinein ins Vergnügen. Goldgelb, dünnflüssig, mit winzigen Luftbläschen durchsetzt. Er schauderte vor Wonne, und steckte mit vibrierendem Vergnügen seinen Rüssel in die Pracht. Birkenblüten-Honig, dafür würde er sterben – wenn’s denn unbedingt sein müßte. Aber er hoffte, daß es nicht sein müßte.

Die Mama saß einen Meter weiter, auf einem Blütenblatt einer dunkelroten Tulpe und beobachtete mit einem Auge das lukullische Vernügen ihres Sohnes, mit dem anderen den dicken Eberhard.

Eberhard, seine 130 Kilo bequem im ehemals weißen Feinripp-Unterhemd und flecken-übersäter, oliv-grüner Trainingshose verteilt, mit randloser Brille, schweinchen-rosa Babyhaut, Halbglatze und kleinem Brilli im rechten Ohrläppchen, stopfte sich gerade eine halbe Scheibe Toast, dick mit Butter beschmiert und drei Scheiben Hinterschinken belegt, in seinen relativ kleinen Mund. Während er kaute, wartete er offensichtlich darauf, zuschlagen zu können. Die drei mal gefaltete Tageszeitung in der Wurstfinger-Hand schwebte abwartend über dem Honigglas. Balthasar schielte nach oben und grinste. Dieser fette Sack würde es auch diesmal nicht schaffen.
Unter dem Luftzug der in Aktion getretenen Zeitung flog er auf direktem Wege fröhlich auf den Tulpenstrauß zu, drehte eine kleine Landeschleife und ließ sich neben seiner Mama nieder.

„Balthi“, nuschelte diese weiter, während er sich die Hinterbeinchen ableckte. „Balthi, du nimmst das Leben viel zu leicht. Wie dein Onkel Harry. Das war auch so ein Luftikus. Glaubte, das Leben sei ein Schlaraffenland. Und wie endete er? Zermatscht in der Kalbsleberwurst!“

„Ach Mama, Eberhard ist doch viel zu dick. Bevor der in Bewegung kommt, bin ich doch längst sonstwo.“

„Ja, ja, das hat Harry auch gedacht. Aber eines Tages hat Eberhard Besuch gekriegt von so so einem dünnen Weib, und das hat ihm ruck-zuck den Garaus gemacht. Dann haben sie Harry aus der Wurst rausgepult und pietätlos weiter gegessen.“

„Jeden Tag die Horror-Geschichte von Onkel Harry. Ich kann’s nicht mehr hören!“ Balthasar flüchtete durch’s offene Fenster und ließ sich von einem sanften Windchen durch die warme Frühlingsluft wirbeln. Er fühlte sich prächtig, denn er liebte das Landleben, das er übrigens der Genußsucht seines Großvaters zu verdanken hatte.

Seine Vorfahren, bis auf Tante Tsetse, die in den afrikanischen Busch ausgewandert war, waren Städter. Sie lebten in einer Dachgeschoßwohnung mitten in Zentrum einer Zweimillionen-Stadt. Ihr Domizil teilten mit einem friedlichen Landschaftsmaler, der einmal im Monat Staffelei, Skizzenblock, ein paar Stifte, Pinsel und einen Picknick-Korb packte, sich auf sein Moped setzte und in Richtung Ammersee knatterte, um sich dort zu einem neuen Gemälde inspirieren zu lassen.

Eines Tages packte der Maler wieder seine Klamotten für den monatlichen Ausflug. Dazu gehörte auch das Glas mit der Himbeerkonfitüre. So wie immer. Der einzige Unterschied war diesmal nur, daß Balthasars Großvater sich den Bauch so mit Konfitüre voll geschlagen hatte, daß er im Glas eingeschlafen war und erst durch das knirschende Geräusch aufwachte, mit dem der Maler den Blechdeckel über ihm zudrehte. Unter den entsetzten Blicken seiner Frau und den 153 Kindern verschwand der Großvater im Korb.

Auf dem Land angekommen und dem gläsernen Gefängnis entschlüpft, hatte der Großvater den Verlust seiner Familie bald überwunden. Er lernte eine junge Dame kennen und ehelichte sie. Leider wurde sie kurz darauf von einem Ochsenschwanz erschlagen. Aber immerhin hatte sie vor dem tragischen Unfall noch die Gelegenheit, mehrere hundert Eierchen zu legen, aus denen unter anderem Balthasars Mutter hervorging.

Balthasar schwebte wonnevoll auf einer Windböe und richtete sein Radar in Richtung Luise. Luise war sein Eheweib, und er war sehr stolz auf sie, denn sie war eine imposante Erscheinung. Um einiges größer als er, bot sie ihm Schutz und Geborgenheit. Heimlich und ohne viel Tamtam hatten sie geheiratet. Niemand wußte davon, auch seine Mutter nicht.

Luise war er rein zufällig begegnet. An einem dieser faul-lässigen Sonnentage. Versonnen war er durch die Gegend geschwebt und hatte sich gerade ein paar Gedanken darüber gemacht, wie seine Traumfrau wohl aussehen würde, als er plötzlich Luise entdeckte. In einem Meer von Löwenzahnblüten, lasziv alle Viere von sich gestreckt, lag sie da und genoß ganz eindeutig das Leben. Balthasar hing erst wie festgenagelt in der Luft, dann drehte er über ihr, ziemlich verwirrt, eine Runde nach der anderen, überlegte hin, überlegte her und landete schließlich mit einem kleinen Nachhüpfer auf ihrem opulenten Bauch.

Dort stand er, atmete heftig und wartete nervös auf ihre Reaktion. Die kam nicht. Sie döste einfach weiter, so als gäbe es ihn nicht. Was sollte er tun? Hör auf deine Intuition und über leg nicht lange, dachte er und trippelte mutig nach oben, in Richtung ihres Ohres, dessen Eingang von niedlichen Härchen gesäumt wurde.

Balthasar spürte es nicht nur, er wußte es. Das war Liebe. Und Luise döste immer noch. Zärtlich wanderte er am Rand ihres Ohres auf und ab. Zwischendurch ließ er sich in diese herrlichen Härchen fallen, krallte sich fest, sog genüßlich schnuppernd den warm-gemütlichen Geruch in seine Lungen. Dann flog er in einem plötzlichen Mutanfall weiter hinein in ihr Ohr und flüsterte: „Ich heiße Balthasar, und ich liebe dich.“ Luise reagierte nicht. Er krabbelte weiter. Tief drinnen in ihrem Ohr dämmerte es schon und er schrie so laut er konnte: „Ich heiße Balthasar, und ich liebe dich“.

Luise räkelte und streckte sich, klappte die großen braunen Augen auf und muhte zufrieden vor sich hin. Sie hatte gerade von einem Gnom geträumt. Mit quergestreiften Leibchen und Zipfelmütze stand er auf einem Grashalm vor ihrer Nase und machte ihr keck eine Liebeserklärung. „Was man so alles träumt“, murmelte Luise, während sie mühsam auf die Beine kam und eine Fliege bemerkte, die vor ihrem linken Auge wie aufgedreht hin und her flog. Kurz darauf glaubte sie eine Stimme zu hören. „Ich heiße Balthasar, und ich liebe dich!“, schrie die Stimme. Jetzt dreh ich durch, schoß es Luise durch den Kopf. Verdammte Löwenzahnblüten, scheinen tatsächlich das Gehirn zu vernebeln!

„Hörst Du das?“, fragte sie ihre Schwester Klara, die gerade ein Grasbüschel abrupfte. Klara hob ein wenig den Kopf, glotzte Luise verständnislos an.

„Was ist?“

“Du hörst also nichts?”

„Nö,“ anwortete Klara und rupfte teilnahmslos weiter. Luise wurde es ganz heiß und kalt. Mit pendelndem Euter rannte sie ein paar Meter weiter in die Deckung eines Haselnußstrauches. Dort blieb sie schweratmend stehen und wartete. Da, schon wieder, die Stimme tief drinnen im Ohr. Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie die Stimme aus dem Ohr herausschütteln. Nichts zu machen. „Ich heiße Balthasar, und ich liebe dich!“ Es war zum Verrücktwerden.

Sie legte sich neben den Haselnußstrauch und überlegte. Der Löwenzahn blühte mit voller Pracht. Wieviele von den Blüten mochte sie wohl verspeist haben? Hundert, zweihundert oder gar noch mehr? Sie rechnete nach und kam auf weit über vierhundert. Plötzlich tauchte die hektische Fliege wieder auf. Mit wildem Flügelschlagen schwirrte sie diesmal vor dem rechten Auge hin und her, und gleich danach ertönte wieder die Stimme, tief drinnen in ihrem Ohr. „Ich bin’s, Balthasar. Ich liebe dich. Ich vermute zwar, daß wir keine Kinder miteinander haben werden, aber ansonsten steht unserem Glück nichts im Weg. Im Gegenteil! Stell dir das doch mal vor. Ich würde mich in die süßen Härchen an deinem Ohr kuscheln, und du könntest mich überall hin mitnehmen. Und währenddessen würde ich dir Liebeslieder in die Muschel trällern. Na, was hältst du davon?”

Luise war sehr erleichtert. Sie litt also doch nicht an Halluzinationen. Der Form halber bat sie um einen Tag Bedenkzeit und nahm – es war an einem hellblauen Donnerstag nachmittag, so gegen drei – seinen Antrag an.

Seitdem waren sie ein Paar, und ein glückliches dazu. Den ganzen Tag verbrachten sie in voller Eintracht, lagen faul auf irgendwelchen Wiesen herum, Balthasar wanderte zärtlich durch ihr Fell, und wenn das Wetter ungemütlich wurde, rettete er sich in ihr Ohr. Lediglich, was das Essen betraf, da hatten sie unterschiedliche Geschmäcker. Deswegen nahm Balthasar seine Mahlzeiten in alt gewohnter Manier ein, beim dicken Eberhard.

Und jetzt ließ er sich wieder von einer Windböe durch die Lüfte tragen, in Richtung Luise. Auf der Wiese angekommen, wollte er sie mit einem deftigen Schmatz auf ihre hellrosa Schnute überraschen, als er entsetzt feststellte, daß es gar nicht Luise, sondern Klara war, die er beinahe geknutscht hätte. Wo um Gottes willen war Luise? Wahrscheinlich lag sie mal wieder behäbig hinter dem Haselnußstrauch. Wie eine Rakete sauste er um die Kurve. Aber hinter dem Strauch war auch nichts. Außer ein paar eingetrockneten Kuhfladen und abgekauten Löwenzahnpflanzen nur gähnende Leere. Sein Herz klopfte. Ratlos zog er ein paar Kreise und flog dann wieder zu Klara. Die unterhielt sich gerade mit Freundin Friedel. Balthasar setzte sich auf ihr linkes Horn und hoffte, irgendwas rauszukriegen. Nichts, nur belangloses Zeug über Gras, Heu und Stroh. Dann aber plötzlich: „Weißt du, meine Liebe, ich bin sauer. Stinkesauer. Kommen doch vorhin ein zwei Männer angefahren, mit einem schönen großen Wagen, lassen eine Rampe runter und Luise darf bequem einsteigen. Als ich hinterher wollte, schließlich sind wir Schwestern, haben sie mir erst einen Knüppel auf die Nase gehauen, dann die Rampe nach oben gedonnert und sind abgefahren. Mistkerle, elende.“

Balthasar traute seinen Ohren nicht. Luise hatte ihn verlassen. Betrübt flog er nach Hause.

Die Mama klebte auf einem Gartenpfahl und döste. Im Liegestuhl daneben lag wie ein Kartoffelsack der dicke Eberhard. In der Hand ein angebissenes Stück Streuselkuchen. Normalerweise ein Leckerbissen für Balthasar. Aber der Appetit war ihm vergangen. Eine kleine Träne kullerte über seine Wange. Verstohlen wischte er sie sich mit dem Hinterbeinchen ab. Weinen war nicht männlich. Die Mama hatte ihm das eingebläut. Schade, wirklich schade, wie gern hätte er jetzt ganz laut geschluchzt. So aber saß er da, riß sich zusammen und hoffte, daß morgen alles wieder ganz anders aussehen würde. Daß Luise morgen wieder da sein würde. Er hoffte es mit seiner ganzen Kraft und begab sich in Eberhards fettigen Struwwelpeterlocken zur Nachtruhe.

Er, der normalerweise einen Schlaf hatte wie ein erschöpfter Bär, schlief schlecht und von Albträumen geplagt. Er träumte von Luise. Auf ihren Hinterbeinen stand sie in einem Cabriolet, eine große goldene Glocke mit roter Schleife um den Hals. Das Auto drängte durch eine unübersichtliche Menschenmenge, Luise winkte abwechselnd nach links und rechts, und gerade als sie ganz besonders freundlich lächelte, wurde sie von einem Attentäter erschossen – wie Kennedy.

Schweißgebadet wachte Balthasar auf. Aufs Frühstück verzichtete er und jagte gleich zur Wiese. Luise war nicht da. Auch am nächsten Tag nicht, am übernächsten auch nicht. Nach einer Woche war seine Hoffnung auf ein Minimum geschrumpft. Nach zwei Wochen befand sich an der Stelle, wo normalerweise sein lebenslustiges Herzchen klopfte, nur noch ein schwerer Klumpen aus Stein.

Es war Samstag abend, die Sonne ging gerade unter, als er sich mitten in die Kalbsleberwurst setzte und Eberhard provozierend und direkt in die Augen schaute. Den Luftzug der gefalteten Zeitung über seinen Flügeln spürend, flüsterte er: „Luise“.
Florian Seibert

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