Abendzeit

Mit fortschreitendem Alter bringt es die Natur mit sich, dass die eigene Zukunftsorientierung immer mehr dem Blick zurück weichen muss. Man kann sie sich in etwa ausrechnen die Zeit, die noch bleibt. Vielleicht noch 20 gute Jahre? Dann wüsste man auch, ob sich die Zukunftsvisionen der Enkel erfüllt bzw. schicksalhafte Zwänge Ihnen die Erfüllung erlaubt haben, dass ihre Begabungen ihnen den Weg geebnet und sich nicht als Gräben, Stolperfallen oder andere Hindernisse in dieser Gesellschaft des Stereotypen erwiesen haben.

In den wilden Aktionismus der ersten beiden Jahre des Ruhestandes mit seiner ungewohnten Freiheit, jeden Tag neu mit anderen Tätigkeiten, anderen Ideen zu bereichern ist ungewohnte Stille eingekehrt, beklemmend für einen Menschen, der in seinem Arbeitsleben brannte wie eine Kerze an zwei Enden. “Workoholic” meinten die Vorgesetzten. Nichts ist mehr von Belang. Vorüber strich die Zeit der Saat und nun auch die Zeit der Reife. Ist jetzt die Zeit der Ernte? Wie steht die Frucht? Was bleibt, was kann weitergegeben, was kann geerntet werden?

Es gilt, das Sammelsurium aus Begabungen, Erlerntem, Erfahrenem, aus Begegnungen, aus Glauben und Wissen – auch um die letzten Dinge – zu erfassen, zu sortieren und ein Resumée für sich selbst und die eigene “große Wahrheit” zu ziehen.

Pilgern gleich ziehen die Menschen auf ihren Straßen und Wegen, verharren zur Stärkung an Quellen und Brunnen, begegnen sich und anderen Wesen, sehen allerlei, was am Wegrand blüht, erblicken über den Bergen die Morgensonne und verlieren sich im Schatten der Nacht, gehen in die Irre und finden durch Wegweiser aller Art und manchmal auch Fingerzeige wieder den richtigen Weg. Manche rauschen im Eilschritt vorüber, um doch dann am Wegrand zu warten, weil ihnen der Atem ausgegangen ist, andere sagen sich mit dem Dichter Sasaki Nobutsuna “ob auf dem Weg eine Spur verbleiben wird oder nicht, bedachtsam will meinen Weg ich gehen.”

Bedachtsam? War man das immer? Auf der eigenen Wegfindung oft in die Irre gegangen, experimentiert mit verschiedenen Glaubensrichtungen wie Islam und Buddhismus, Tarotkarten gelegt und vieles mehr und doch dann zu den Wurzeln der Kindheit zurückgegangen. Es hat nichts genützt, vor lauter Versuchen, mit dem “dritten Auge” zu sehen, den realen Blick zur Umwelt, zum Mitmenschen zu verlernen, seinen Freuden, seinen Leiden, was an Fehlern, aber auch an Wunderbarem, Wundersamem in ihm steckt, der göttliche Funke. Schnell hat man den Finger auf Oberlehrer-Art gehoben, geschwind ein vorschnelles Urteil gefällt und sich unbemerkt selbstgefällig auf ein tönernes Piedestal gestellt, das beim nächsten größeren Sturm zerschellt. Die Begleiter auf dem Lebensweg Personen und Persönlichkeiten, viele Egomanen/Egoisten/Egozentriker,Machtgierige, Emporstrebende, Emporkömmlinge, Verleumder und Denunzianten, Wissende und die zu wissen begannen, Kameraden und Freunde im Schulterschluss, Schweigende und Schwätzer, Eiferer und Laue, Weltverbesserer und Besserwisser, Liebende und Hasser… alles vorübergezogen, andere Wege beschritten oder zurückgeblieben. Skurriles blieb besonders im Gedächtnis verhaften und zwingt zu einem Lächeln. Oft türmten sich vor dem Pilgerpfad Berge auf, die erst erklommen, auf der Höhe den Blick über die Gesamtheit der Landschaft befreiten, den Fröschen, die die Wege kreuzten blieben aus ihrer Perspektive diese Aussichten verwehrt. Oft verhüllte aber Nebel das eigene Schauen, Einsamkeit und Stille als einzige Begleiter und die Gespräche mit dem Weisen in uns als einzige Wegzehrung, Wegweisung und im Gehen kam sie die Erkenntnis, nichts anderes zu sein als Baum, Gras und Blume, demütig und voll Dankbarkeit die Zuwendung eines Tieres empfangend und seine Liebe wieder verschenkend, Liebe empfinden zu allen Werken und Wesenheiten und auch zu sich selbst und dem eigenen verantwortlichen Tun, zu sehen wie die göttliche Schöpfung den Schlüssel zur Wiedergeburt in sich birgt, in einer unendlichen Metamorphose des Werdens und Vergehens und Wieder-Erstehens – gleichsam in einer Lemniskate, einer liegenden Acht. Auf diesem letzten Abschnitt des Pilgerweges wählt man sich seine Begleiter sorgsam aus, nichts sollte einem mehr mit Bitternis erfüllen, sondern Dankbarkeit für alles Geschehene – ob Liebe oder Leid – weil es die Seele reifen ließ, ehe sie zur Ernte kam. Dadurch ließ sich der Vater finden, dem man alles anvertrauen und dem man bedingungslos vertrauen kann.

Ja, ich bekenne es: Ich habe gelebt und geliebt und hoffe, dass ich allumfassend bis zum letzten Atemzug noch vieles an Liebe begreifen, geben und vermitteln kann. Ja, ich bekenne es – und es ist unmodern und in-akzeptabel geworden – ich bin Christin, nicht im üblichen Sinne, nicht unbedingt den Dogmen von Kirchen, Konfessionen oder ihren Absplitterungen folgend, aber im eigenen Erfahren und Erschauen, mein ganz persönlicher Pilger- oder Jakobs-, mein Königsweg.

Das Ende meines Weges kann ich irgendwo schon in der Ferne erahnen, die Schatten werden länger. Es ist Abendzeit.
Elke Gelzleichter

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