Vom Ahorn, der sagenhaft werden wollte

Vor Zeiten wuchs einmal ein Ahorn, auf einer Alm am Hang, ein Berg-Ahorn eben. Er war noch rank und schlank, eben ein Jungspund, aber schon beachtlich in die Höhe geschossen. Rund um ihn standen ein paar Vogelbeerbäume, etwas weiter entfernt Buchen und Ulmen. Von seinen Nachbarn hatte er schon viele Geschichten gehört. Vom Weltenbaum, warum Bäume nicht mehr in den Himmel wachsen, dass zur Geburt ein Baum gepflanzt wird. Das gefiel dem Berg-Ahorn sehr, er träumte so gerne von verzauberten Welten und verwunschenen Geschöpfen. Bald wusste er selbst zu allen Baumarten eine schöne Geschichte zu erzählen.

Jedes Vögelchen, das sich in seine Krone setzte, bekam ein Baummärchen zu hören. Und es kamen bald viele Vögel von nah und fern, ließen sich auf den Zweigen des Berg-Ahorns nieder und baten ihn um Sagen und Fabeln. Nur zu gerne trug der Berg-Ahorn dann vor. Nicht mehr nur Vögel, auch alle anderen Tiere kamen gelaufen und reihten sich ein. Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt. Von der stolzen Tanne. Vom Lindenbaum. Warum die Buche so stachelige Früchte trägt …

Der Berg-Ahorn war inzwischen sehr stattlich geworden. Er trug eine prächtige Krone auf starkem Stamm, ein ausladendes Geäst mit unzähligen Blättern. In seinem hölzernen Herzen hatte er Märchen über alle Bäume gesammelt, die es in seiner Heimat nur gab. Sogar einige Geschichten über Bäume aus weit entfernten Gefilden wusste er. Von Zauberpalme und Mondbaum, von Bäumen mit silbernen Blüten und Bäumen mit goldenen Früchten.

Nur über sich oder seinesgleichen wusste er nicht auch nur einen kurzen Spruch widerzugeben. Da hatten sich die größten Dichter über Bäume ihre Gedanken gemacht und die schönsten Gedichte erfunden. Vom Birnbaum des Herrn Ribbeck auf Ribbeck über die Apfelkantate von Claudius bis zum Ginkgoblatt der Freundschaft vom Dichterfürsten Goethe. Nur über ihn, den Ahorn, gab es keine einzige Zeile. So warf der Berg-Ahorn einen tiefen Schatten über den Hang. Denn er wusste, dass man nur die Bäume tief in seine Seele mit einschließt, die ein sagenhaftes Band zu einem knüpfen. Ein Band, das er von seinem Innersten zu allen Bäumen flattern ließ, das aber nirgends Halt fand.

Der Berg-Ahorn verlor an Wuchskraft, zeigte sich nicht mehr so frisch wie einst. Da beschlossen all seine vielen Zuhörer auszuschwärmen, um sich umzuhören nach Geschichten für ihn. Ob nicht doch eine sagenhafte Mär irgendwo über ihn erzählt würde. Bald kamen sie wieder zurück. Der Eichelhäher begann. „Rätsch, rätsch – ich weiß ein Märchen vom Ahorn. Da war einmal ein Bauer, der hatte seine Seele dem Teufel verkauft. Er wollte aber erst mit ihm gehen, wenn alle Blätter ihr Laub verloren hätten. Als der Teufel ihn im Winter holen wollte, wies der Bauer nur auf den Ahorn, der seine Blätter noch immer trug. Im Frühjahr, als alles Laub herab gefallen war, erschienen schon die neuen. Der Teufel fand sich betrogen und grub seine Krallen tief in die Ahornblätter, so dass sie wie zerfetzt aussahen.“ Der Berg-Ahorn ließ ein paar seiner weich gerundeten Blätter flattern. „Sehen die aus wie vom Teufel zerfurcht?“ fragte er. Nein, nein, er werfe doch seine goldgelb herbstgefärbten Blätter schon beizeiten ab, ganz anders als die Eiche. Die behalte ihr Laub bis zum Neuaustrieb im Frühling. Der Eichelhäher musste zugeben, dass das Märchen doch eher zur Eiche passe denn zum Berg-Ahorn.

„Twitt, twitt“, rief da der Kleiber. „Ich habe aber eine Ahorn-Geschichte. Der Teufel verlangte einst, dass sich jeder Baum vor ihm, dem Fürsten der Unterwelt verbeuge. Alle Bäume taten wie verlangt, nur der Ahorn blieb standhaft. Sogar als der Teufel drohte, ihn mit seinem Höllenfeuer zu verbrennen, hielt er sich aufrecht. Da blies ihm der Gehörnte seinen feurigen Atem entgegen, so dass der Ahorn lichterloh in Flammen stand. Doch der liebe Gott hatte es mitbekommen und erlöste den Ahorn von seinen Qualen, weil er doch dem Teufel entsagt hatte. Allein seine Knospen waren nicht mehr zu retten, die sind bis heute schwarz, wie verbrannt geblieben.“ Der Berg-Ahorn wackelte mit seinen Zweigen und streckte seine Knospen vor. „Sind die etwa schwarz?“, fragte er. Nein, nein, er habe doch grüne Knospen, ganz anders als die Esche. Deren Knospen sähen aus wie schwarze Rehfüße. Dem Kleiber blieb nichts, als den Stamm hinauf und hinunter zu laufen und zur Esche zu wechseln.

Da kam der wilde Eber gelaufen. „Grunz, grunz – aber meine sagenhafte Fabel ist eine vom Ahorn.“ Die Tiere rückten noch näher zusammen, voller Spannung, ob denn die Wildsau dem Berg-Ahorn etwas erzählen könnte. „Einst gab es ein Tal voller Bäume, in dem die Menschen gar glücklich lebten. Sie waren so zufrieden, dass sie sich ihr Lebtag lang nichts zuschulden kommen ließen. In der Hölle klopfte niemals jemand aus diesem Tal an. Das wurmte den Teufel und er ging in das Tal nachsehen. Die Menschen lächelten ihm entgegen und meinten, es fehle ihnen dank der knusprig braunen, wunderbar nahrhaften Samen in ihren wollig umhüllten, samtweichen Fruchtschalen an den Bäumen in ihrem Tal an rein gar nichts. Da hackte der Teufel in die Fruchtschalen und zog lauter Stachelspitzen hervor, gestaltete die Schalen so zäh und hart, dass sie ihren Inhalt nicht mehr hergaben. Die Menschen jammerten, schimpften und fluchten alsbald, wenn sie die igeligen Früchte auflesen und aufbrechen wollten. Schon bald kam kein Mensch aus dem Tal mehr in den Himmel.

Gottvater hatte alles mitbekommen. Er konnte die Untat des Teufels zwar nicht mehr ungeschehen machen, aber er schlug über den Früchten ein segnendes Kreuz. Und fortan drehten sich diese Früchte wie von Propellern getrieben sanft schraubend zu Boden.“ Der Berg-Ahorn rüttelte seine großen Äste und ließ eine Menge seiner Früchte fallen. Die kurbelten sich dank großer Flügel tatsächlich langsam herab. Alle schauten den Früchten andächtig nach und meinten, jetzt sei die Geschichte vom Ahorn gefunden. Schon klatschten sie dem Eber zu. Doch der Berg-Ahorn schüttelte sein Kronenhaupt. Nein, nein, er habe doch keine stacheligen Fruchtschalen, keine nahrhaften Samen, ganz anders als die Kastanie. Dem wilden Eber blieb nichts übrig, als zuzugeben, dass er das Ende seiner Geschichte ein wenig verbogen hätte, dem Ahorn zuliebe.

Dem Berg-Ahorn wurde es ganz anders. Zum Teufel mit den Teufelsgeschichten. Hat denn der Böse immer seine Krallen im Spiel? Er würde gerne ein himmlisch guter Baum sein, meinte er. Und ließ sein Holz ganz hell strahlen, zum Zeichen seiner inneren Reinheit. Gefällig gemasert und von engelsgleichem Klang sollte es der Unterwelt entgegen wirken. Seine Blätter formte er wie große Hände, mit ihnen wollte er den Gehörnten und alles Böse abwehren. Selbst seine Säfte, die in ihm aufstiegen, machte er süß wie seine Gesinnung. Auf seiner Borke, die sich angesichts des Alters in groben Platten ablöste, duldete er einen dicken, schmeichelnden Belag an Flechten und Moosen.

Er wurde ein Baum der Heiterkeit, der Ruhe und Harmonie. Menschen, die Bäume in ihrer Seele verstanden – und solche gab es, wenn auch wenige – holten sich Zweige vom Ahorn und steckten sie zum Schutz vor allem Bösen an ihre Türschwellen. Wieder andere Menschen, die Bäume zu nutzen verstanden – und solche gab es, durchaus einige – freuten sich am edlen Holz und drechselten allerlei Küchengeräte daraus. Und manche Menschen, die Bäume als Ernährer verstanden – und solche gab es, immer wieder – zapften den zuckerhaltigen Saft und fütterten das Vieh mit den Blättern. Der Ahorn sah es gelassen und spendete stolz. Schöner als alle Vögel in seinen Zweigen im Chor tönte es, wenn besondere Menschen – sogar solche gab es – mit aus seinem Holz geschnittenen Geigen, Zithern und Flöten Musik erklingen ließen.

Und schließlich war er es zufrieden, der Ahorn, dass es kein allbekanntes Märchen, keine viel erzählte Geschichte über ihn gab. Entlang seiner Äste, in seinem Holzkern, auf seiner Rinde stehen mehr Geschichten geschrieben, als man je erzählen könnte…
Wer sich an seinen Stamm lehnt und ihm nur aufmerksam zuhört, kann sein sagenhaftes Herz schlagen hören. Das ist wahre Pflanzenlust.
Karin Greiner

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